Wirtschaft : Starthilfe

Ein Vorbild kann dabei helfen, den eigenen Karriereweg zu finden – und Mut machen, für seine Ziele zu kämpfen.

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Manchmal laufen sie einem einfach über den Weg: in der Schule, auf dem Sportplatz oder im Jugendclub. Mal erkennt man sie schnell, mal dauert es etwas länger. Aber oft gibt es einfach niemanden, der sich als Vorbild eignet. Und der Mut macht, sich Ziele zu setzen. Und vielleicht sogar über sich hinauszuwachsen.

Katja Urbatsch wollte das ändern – sie ist längst selbst ein Vorbild: Vor einigen Wochen hat ihre Initiative Arbeiterkind.de den fünften Geburtstag gefeiert. Die Organisation möchte Kinder aus Nichtakademikerfamilien dazu ermutigen, einen Hochschulabschluss zu machen. Und ihnen die vielen Ängste nehmen, die mit dem Gang an die Uni verbunden sind: „In Deutschland ist es besonders ausgeprägt, das zu tun, was die eigene Familie macht“, sagt die 34-Jährige. Das zeigt auch die aktuelle Sozialerhebung des deutschen Studentenwerks: Von 100 Akademiker-Kindern studieren 71, von 100 Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund lediglich 24.

Wer in seinem Umfeld zur ersten Studenten-Generation gehört, wird oft mit vielen Bedenken konfrontiert. Neben der Frage, ob man einem Studium intellektuell gewachsen ist, fürchten viele Familien sich auch vor der finanziellen Belastung. „Und sie fragen sich, ob die Berufsaussichten nach dem Studienabschluss tatsächlich besser sind“, sagt Katja Urbatsch.

Die Konstanzer Hochschulforscher Holger und Tino Bargel bestätigen diese Ausgangslage: 2010 haben sie bei der Hans-Böckler-Stiftung ihre Untersuchung „ Ungleichheiten und Benachteiligungen im Studium aufgrund der sozialen Herkunft“ veröffentlicht. Darin kommen sie zu dem Ergebnis, dass die Hindernisse für Arbeiterkinder an den Hochschulen „als groß und folgenreich für das Studium eingeschätzt werden“ müssen. Vor allem Unsicherheiten im Universitätsmilieu und externe Belastungen durch die schwierige finanzielle Lage stellten für Arbeiterkinder einen „besonderen Stress im Studium“ dar. Die Autoren fordern für diese Studierenden eine bessere Unterstützung.

Katja Urbatsch ist froh, dass sich mittlerweile auch Schüler aus dörflichen Regionen problemlos über Arbeiterkind.de informieren können. Sie und ihr Team stellen sich auf Bildungsmessen vor, besuchen Schulen und stellen für die Internetseite Informationen über den Weg an die Uni oder die Studienfinanzierung zusammen. In vielen deutschen Städten veranstaltet die Initiative inzwischen auch Stammtische – und ist immer wieder auf der Suche nach Mentoren, die sich ebenfalls für das Projekt engagieren möchten. Insgesamt hat das Netzwerk im vergangenen Jahr 8000 Schüler erreicht.

Viele Lehrer laden Urbatsch und ihre Team gerne in den Unterricht ein. „Aber natürlich gibt es auch Pädagogen, die für unser Projekt kein Verständnis haben.“ Und manchen Schülern vielleicht auch früh den Mut nehmen, einen Berufswunsch zu verwirklichen.

Katja Urbatsch, die nach dem Abitur Nordamerikastudien, BWL, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin studierte, arbeitet in zwischen an ihrer Promotion. Während sie und ihr Bruder sich nach dem Abitur für ein Studium entschieden, haben viele ihrer Freundinnen trotz guter Noten eine Ausbildung gemacht, weil ihnen das sicherer erschien.„Arbeiterkinder haben oft Angst davor, im ersten Studienjahr zu scheitern.“ Mit Kommilitonen in einer ähnlichen Lebenssituation zusammen zu kommen, mache es ihnen leichter, diesen Druck auszuhalten. „Es hilft sehr, wenn man sich verstanden fühlt.“

Auch Olga Georgi hält gute Vorbilder für eine wichtige Navigationshilfe auf dem Weg ins Berufsleben. Sie ist als Coach für den Anbieter „Die Jugendtrainer“ regelmäßig in Schulen unterwegs und berät Jugendliche unter anderem in Fragen der Berufsorientierung. Eine große Chance sind ihrer Ansicht nach Mentorenprogramme, in denen die Schüler Menschen begegnen, die sie auf neue Ideen bringen – und dazu motivieren „nicht stehen zu bleiben“, sondern sich zu informieren und etwa durch Praktika die ersten Schritte ins Berufsleben zu machen.

Besonders steinig ist der Weg an die Universität für die sogenannten Care Leaver: Junge Erwachsene, die zeitweilig oder über sehr lange Zeit in Heimen oder Pflegefamilien aufgewachsen sind. Die Universität Hildesheim hat sich mit den Bildungswegen dieser jungen Menschen beschäftigt, die unter besonders schwierigen Bedingungen ins Erwachsenenleben starten müssen: da sie nach dem Ende der staatlichen Fürsorge meist mit 18 oder 19 Jahren auf sich allein gestellt sind.

Der Diplom-Pädagoge Benjamin Strahl hat junge Care Leaver dazu befragt, wie sie von der Schule an die Uni gekommen sind– und ist dabei immer wieder auf Vorbilder gestoßen. „Viele meiner Interviewpartner hatten schon früh Kontakt zu Lehrern oder Erziehern, die sie besonders gefördert haben.“ Oder die Befragten wurden auf dem Gymnasium durch Freunde motiviert, ihre Bildungswünsche zu verwirklichen. Die Beispiele zeigen, dass der Weg an die Uni für Care Leaver schwieriger ist – aber keineswegs unmöglich.

Schwierigkeiten bereite vielen Care Leavern auch, dass für die Berechnung des BAföG die Eltern herangezogen würden – auch wenn der Kontakt zur Familie oft höchst problematisch sei. Benjamin Strahl sieht für diese Gruppe weiterhin einen hohen Unterstützungsbedarf. Denkbar seien etwa Startpakete mit einer Grundausstattung für das Studium.

Severine Thomas hat über Organisationskulturen in der ambulanten Kinder- und Jugendhilfe promoviert. Derzeit arbeitet sie an der Universität Hildesheim als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Nach der Erziehungshilfe – Care Leaver in Deutschland“. Thomas hält es für notwendig, den Hilfeanspruch dieser Gruppe zu verlängern: „In Norwegen ist der Hilfeanspruch zum Beispiel bis zum 23. Lebensjahr gesetzlich geregelt.“

Außerdem verweist sie auf ein Modell, das eine Jugendeinrichtung in der Schweiz entwickelt hat. „Dort wird versucht, Paten außerhalb der Einrichtung zu finden.“ Die somit auch wieder eine Vorbildfunktion übernehmen.

Inzwischen hat sich an der Uni Hildesheim auch ein Netzwerk aus Care Leavern gebildet. Auch sie wollen ein Vorbild sein. Und der nächsten Generation zeigen, dass man seine Ziele erreichen kann – auch wenn auf dem Weg einige Hindernisse liegen.

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