Wirtschaft : Startschuss für den Aufschwung

Viele Unternehmen verdienen wieder prächtig. Doch die Wirtschaft leidet noch an den Spätfolgen des letzten Booms und die Verbraucher sind verunsichert

Carsten Brönstrup

Jetzt gibt es kein Halten mehr. Endlich ist der Aufschwung da, und die Unternehmen machen wieder gute Geschäfte: Der Chemiekonzern BASF hat allein in der ersten Jahreshälfte 2,3 Milliarden Euro verdient, der Autobauer BMW will schon bald neue Jobs in Deutschland schaffen, der Sportartikelhersteller Adidas-Salomon hat seine Gewinnprognose für 2004 kurzerhand verdoppelt, und bei der Commerzbank und der Hypo-Vereinsbank floriert das Geschäft mit Wertpapieren und Geldanlage wieder. Die Konjunkturexperten, ob vom Internationalen Währungsfonds oder den deutschen Forschungsinstituten, korrigieren ihre Prognosen nach oben und erwarten erstmals seit vier Jahren wieder kräftiges Wachstum von mehr als zwei Prozent.

Aufschwung – war da was? Alle reden vom Konjunkturboom, die Gewinne der Unternehmen sprudeln. Doch die Verbraucher mögen nicht so recht glauben, dass alles besser wird. Sie knausern noch immer, wo sie können – daher bleibt beim Einzelhandel alles beim Alten: Krise, Stellenabbau, Geschäftsaufgaben. Nicht einmal der Sommerschlussverkauf war ein Renner. Und die Arbeitslosigkeit wächst, anstatt abzunehmen – allein im Juni gab es 126500 Beschäftigungslose mehr.

Irren die Fachleute also schon wieder, kommt der versprochene Boom gar nicht? „Unsinn“, sagt Roland Döhrn, Konjunkturchef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. „Es gibt schon jetzt eine spürbare Belebung dank der starken Nachfrage aus dem Ausland.“ Noch aber wagen die Firmen kaum Neueinstellungen, stattdessen werden Kurzarbeiter wieder normal beschäftigt, Personal bei Zeitarbeitsfirmen ausgeliehen und Sonderschichten angeordnet.

Dieses Muster wiederholt sich in jeder Aufschwungphase. Trotzdem ist dieses Mal etwas anders als früher – der Konjunkturmotor kommt nur langsam in Fahrt. „Bislang hat ein Aufschwung hier zu Lande meist mit dem stärkeren Export begonnen, der dann zu allmählich steigenden Investitionen der Firmen im Inland geführt hat“, sagt Thomas Mayer, Europa- Chefökonom der Deutschen Bank. So entstanden neue Stellen, und wer eine Arbeit gefunden hatte, gab sein Geld wieder aus – der Konsum sprang an. „Diese Kette hat deutliche Risse bekommen“, beobachtet Mayer. Der Grund: „Die Unternehmen investieren heute mehrheitlich im Ausland – ohne Investitionen im Inland springt die Nachfrage aber nicht an.“

Zudem haben viele Firmen neue Maschinen oder Software gar nicht nötig – sie stöhnen noch unter den Überkapazitäten vom letzten Aufschwung. „Im Jahr 2000 haben die Firmen zu viel und oft an falschen Stellen investiert“, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz-Group. „Das bremst jetzt – wir leiden an den Spätfolgen der New Economy.“ Hinzu komme die Verunsicherung der Verbraucher wegen der Reformen. „Viele haben Angst und sparen für Alter, Arbeitslosigkeit oder Krankheit, weil der Staat seine Leistungen zurückschraubt.“ Bremsend wirkt zudem der Ölpreis, der unaufhaltsam klettert. „Schon ein Durchschnittspreis von 40 Dollar pro Fass drückt das Wachstum um 0,2 Prozentpunkte“, hat Döhrn vom RWI ausgerechnet. Am Freitag kostete ein Barrel in New York knapp 45 Dollar. „Das ist ein Schlag ins Kontor für die Konjunktur“, warnt Allianz-Ökonom Heise.

Trotzdem warnen die Fachleute vor Panikmache. Eigentlich sind sie mit dem Aufschwung zufrieden – man dürfe nur nicht zu viel von ihm erwarten. Zu einem Rückgang der Arbeitslosigkeit wird es erst Ende dieses Jahres kommen, erwartet RWI-Experte Döhrn. 2005 gebe es dann rund 100000 neue Stellen. Andere sind optimistischer. „Durch die Hartz-Reform und die moderaten Lohnabschlüsse wird die Beschäftigungsschwelle auf nur noch ein Prozent sinken“, sagt Heise von der Allianz. Die Wachstumsmarke, ab der neue Stellen entstehen, hatten Wirtschaftsforscher in den vergangenen Jahren stets bei knapp zwei Prozent gesehen. Heise: „Wenn wir jetzt noch zwei, drei Jahre ein deutliches Wachstum haben, wird die Arbeitslosigkeit merklich sinken.“

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