Startup-Hauptstadt : Achtung, Berlin! Köln holt auf

"Rheinland Valley" soll Startup-Hotspot werden. Die Bedingungen sind besser als in der Hauptstadt, sagt Kölns Oberbürgermeisterin. Ein Gastbeitrag.

Henriette Reker
Rockt Berlin noch in Sachen Startups? Aufsteller bei der Jahreshauptversammlung von Zalando-Mutter Rocket Internet.
Rockt Berlin noch in Sachen Startups? Aufsteller bei der Jahreshauptversammlung von Zalando-Mutter Rocket Internet.Foto: Jens Kalaene/dpa

Beim Thema Startups in Deutschland schauen derzeit noch alle nach Berlin. Mehr und mehr Blicke richten sich aber in den Westen unseres Landes. In das Rheinland. Der Wirtschafts- und Digitalminister der neuen NRW-Landesregierung, Andreas Pinkwart, hat das Ziel eines „Rheinland Valley“ ausgegeben.

Köln hat viele Stärken und gute Voraussetzungen, um ein Motor dieses Rheinland Valley zu sein. Als größte Stadt Nordrhein-Westfalens gibt es hier die einzigartige Möglichkeit, die Erfahrungen aus der klassischen Industrie mit den Ideen und Innovationen der Gründer zu verknüpfen. Das kann Berlin nicht bieten. In Köln haben wir einen gewachsenen Industrie- und Wirtschaftsstandort mit großen Unternehmen und vielen Hidden Champions. Wenn wir es schaffen, diese mit den Universitäten, Technischen Hochschulen und den Gründerinnen und Gründern zu verbinden, bekommen wir eine großartige Dynamik.

Als Städte können wir uns vor allem von den unternehmerischen Innovationen im Bereich der Digitalisierung einiges abschauen, aber auch kooperieren und Erfahrungen austauschen. Wenn in der Wirtschaft von der Digitalisierung von Geschäftsprozessen die Rede ist, dürfen Verwaltungen nicht lange warten, sondern müssen zügig vorangehen. Digitale Verwaltungen sind bürgernäher, schneller und effizienter.

Steuerliche und bürokratische Erleichterungen

Dieses fortschrittliche Denken von Gründern brauchen wir als Gesellschaft. Wir dürfen uns nicht auf möglichen Erfolgen ausruhen, sondern müssen ehrgeizig bleiben und immer vom Gedanken getrieben sein: Das Beste kommt erst noch.

Städte und Kommunen können nur schwer als aktiver Player in der Startup-Welt fungieren, aber wir können Rahmenbedingungen für sie setzen. Ich schlage vor, intensiv über steuerliche und bürokratische Erleichterungen für Gründerinnen und Gründer, aber auch für Investorinnen und Investoren nachzudenken. Deutschland muss im internationalen Vergleich wettbewerbsfähiger sein. Investieren in deutsche Startups muss attraktiver werden.

Aber Steuern und Finanzen sind nicht alles, wenn es darum geht, die Rahmenbedingungen für die junge digitale Wirtschaft zu verbessern. Neben der notwendigen Infrastruktur, die schon heute ein entscheidender Standortfaktor ist - und da sprechen wir nicht mehr von Bandbreiten bis 50 oder 100 Mbit, sondern über Gigabit-Anbindungen -, sind insbesondere Talente und Fachkräfte gefragt. In Zusammenarbeit mit Wirtschaft und Wissenschaft müssen wir gemeinsam dafür sorgen, dass schnell ausreichend Talente zum Beispiel in den Bereichen Coding, Software-Entwicklung und -Design und Datenanalyse nachkommen.

Tel Aviv, Rio, Peking - Kölns Partnerstädte können helfen

Lokale, regionale und nationale Netzwerke erschaffen und pflegen, um dynamischen und innovativen Startups einen besseren Zugang zu Kunden zu ermöglichen - gerade im Bereich der kleinen und mittelständischen Unternehmen -, ist ebenso ein wichtiger Angriffspunkt für die öffentliche Hand wie die Unterstützung bei der Internationalisierung der Startup- Ökosysteme und einzelner Startups.

Köln hat viele internationale Partnerstädte, die beim Thema Startup nun eine neue Bedeutung bekommen. So ist zum Beispiel die Partnerstadt Tel Aviv ein weltweiter Hotspot für Startups. Hier müssen wir unsere über Jahrzehnte gewachsenen Kontakte nutzen, um einen Wissenstransfer und einen engeren Austausch zu ermöglichen. Auch Peking oder Rio de Janeiro sind Partnerstädte, die wir in den Blick nehmen müssen.

Man kann nur dort kreativ nachdenken und gründen, wo man sich frei fühlt, in einem Umfeld, das weltoffen und tolerant ist. Und Köln ist die weltoffenste und toleranteste Stadt Deutschlands. Auch das Scheitern sieht man in Köln differenzierter. Nicht als Stigma, sondern als Erfahrung. Nur wer gemachte Fehler reflektiert, kann sie beim nächsten Mal verhindern.

Nicht nur in der Wirtschaft und bei Unternehmensgründungen belebt der Wettbewerb das Geschäft. Das gilt auch für uns Städte: Achtung Berlin, Köln holt auf!

Henriette Reker.
Henriette Reker.Foto: Marius Becker/dpa

- Die Autorin, parteilos, ist Oberbürgermeisterin der Stadt Köln

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