Wirtschaft : Statt Urlaub

Alle Arbeitgeber sagen: Auslandserfahrung ist wichtig. Aber wehe, Arbeitnehmer nehmen ihre Chefs beim Wort. Was Sie tun können, um ihre Vorgesetzten doch noch rumzukriegen und eine entsprechende Weiterbildung durchzusetzen.

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Liegestuhl oder Lerngruppe – oder beides? In einigen Betrieben werden Weiterbildungen im Ausland für versteckten Urlaub gehalten. Dabei kommen die Teilnehmer meistens mit neuen fachlichen Ideen für den Betrieb zurück und sind motivierter. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Liegestuhl oder Lerngruppe – oder beides? In einigen Betrieben werden Weiterbildungen im Ausland für versteckten Urlaub gehalten....

Eigentlich war Romina Menke sich sicher, eine Absage zu kassieren, wenn sie ihrem Vorgesetzten sagt, dass sie drei Monate im spanischen Murcia studieren will. Die 26-Jährige arbeitet im internationalen Export und Vertrieb für den Kunst- und Stahlverarbeiter PUK-Werke KG in Berlin. Bei ihrer Tätigkeit ist sie regelmäßig auch mit außereuropäischen Kunden und Geschäftspartnern in Kontakt. Direkt nach dem Ende ihrer Ausbildung 2009 wurde sie übernommen. Die letzten drei Jahre hat sie an drei Abenden pro Woche als Erste in ihrem Unternehmen berufsbegleitend am Berliner Standort der FOM Hochschule für Ökonomie und Management studiert. Menke reist gerne, aber für einen längeren Auslandsaufenthalt war seitdem keine Zeit.

Schüleraustausch, Au pair, Auslandssemester – für Jugendliche und junge Erwachsene gibt es viele Möglichkeiten im Ausland Erfahrungen zu sammeln und zu lernen. Wer aber einmal berufstätig ist, für den wird es schwieriger. „Auslandserfahrung“ und „interkulturelle Kompetenz“ ist zwar bei Bewerbern immer erwünscht. Wenn ein Unternehmen aber nicht selbst international tätig ist und so den Mitarbeiter intern ins Ausland schicken kann, ist längeres Wegbleiben von Büro oder Betrieb häufig unerwünscht. Kürzere Weiterbildungsangebote im Ausland schon ab einer Woche sprechen gezielt Berufstätige an, die außerhalb Deutschlands beruflich dazulernen wollen.

Die FOM Hochschule für Ökonomie und Management, mit 32 Standorten die größte private Hochschule in Deutschland, hat ihre Auslandsangebote für das nächste Jahr ausgebaut. Seit 2009 werden für die berufstätigen Studierenden mehrtägige Konferenzprogramme an Hochschulen in den USA angeboten. Mittlerweile kann man Wirtschaftsmodule in Spanien oder Energiemanagement-Kurse in Russland belegen. Ab nächstem Jahr gibt es zusätzlich eine vierwöchige Summer School zu internationalem Management in Australien und eine fünftägige Winterakademie für Krankenhausmanagement in Charlotte in den USA, für die man sich noch bis zum 20. Dezember anmelden kann (siehe Kasten).

Für die drei Monate an der Universidad Católica San Antonio de Murcia hat Menke vier Wochen ihres bezahlten Jahresurlaubs aufgewendet sowie fünf bis zehn Tage ihres Anspruchs auf Bildungsurlaub. Für die verbleibenden Wochen wurde sie von ihrem Arbeitgeber unterstützt. Als Vertretung konnte ein Kollege, der gerade seine Ausbildung beendet hatte, für die drei Monate einspringen. Menke bereitete ihn auf die Aufgaben vor und gab ihm ihre spanische Handynummer – für den Notfall. Ohne die Unterstützung ihres Arbeitgebers hätte sie nicht an dem Programm teilnehmen können, sagt Menke. Zu den Kosten für das Auslandsprogramm in der Höhe von 2600 Euro kommen zusätzliche Wohnkosten im anderen Land. Ein paar ihrer Studienkollegen aus Deutschland hätten aber gekündigt, um ins Ausland gehen zu können. Obwohl sie alle Kosten selbst getragen hätten, wollten sie ihre Vorgesetzten nicht gehen lassen.

Die Offenheit für eine Weiterbildung im Ausland variiert stark zwischen den Branchen und den einzelnen Unternehmen. Das hat auch damit zu tun, wie sehr das Unternehmen selbst international ausgerichtet ist. „Wenn man einmal im Job ist, ist es nicht mehr so einfach“, sagt Susanne Boy, Mobilitätsberaterin der Handwerkskammer Berlin. Viele Azubis würden deshalb die Zeit zwischen Ausbildung und einer Anstellung dafür nützen. „Aber man muss ja nicht für sechs Monate ins Ausland gehen“, sagt Boy. In den meisten Betrieben gebe es Phasen mit hoher Auslastung und Zeiten, in denen es weniger Aufträge gibt. Wenn man ein paar Monate im Voraus plant und zum Beispiel als Klimatechniker nicht gerade im Winter weg will, wenn besonders viele Heizungen zu reparieren sind, kann man mit dem Chef Lösungen finden.

Die EU fördert Weiterbildungsprogramme in einem anderen EU-Staat bereits ab einer Dauer von zwei Wochen. Abhängig vom jeweiligen Land, in dem die Weiterbildung stattfindet, gibt es Zuschüsse zu Aufenthalts- und Reisekosten. Mit dem neuen EU-Bildungsprogramm Erasmus+ wird es, so Boy, für Fachkräfte in Zukunft zwar etwas schwieriger werden, sich Weiterbildungsmaßnahmen in Europa fördern zu lassen. „Für nächstes Jahr sind aber noch Plätze frei“, sagt sie. Studienreisen für Berufsausbilder werden schon ab einer Dauer von einer Woche gefördert. So ist kürzlich eine Gruppe von Berliner Berufsschullehrern für zukünftige Bäcker und Konditoren eine Woche nach Nord-Frankreich gefahren, um dortige Ausbildungszentren zu besuchen und sich über Methoden der Ausbildung und fachliche Techniken wie bei der Backtechnik zu informieren.

In einigen Betrieben werden laut Boy Weiterbildungen im Ausland für versteckten Urlaub gehalten. Tatsächlich kämen die Teilnehmer aber meistens mit neuen fachlichen Ideen für den Betrieb zurück und seien motivierter. Größere interkulturelle Offenheit lasse sich schlecht messen, sagt Boy, aber ein Mitarbeiter verliere durch eine Weiterbildung in einem Land in einer anderen Sprache manchmal auch Hemmungen, auch in Berlin Kunden bei Bedarf auf Englisch anzusprechen. „Natürlich kann man in ein bis zwei Wochen keine Sprache komplett lernen, aber die Teilnehmer haben danach auch in Berlin wieder Lust am Lernen“, so Boy.

„Schon aufregend, mal weg vom Alltag zu sein“, resümiert Romina Menke ihre Erfahrung als Vollzeitstudentin in Spanien. Auch in einer WG zu leben und in einer fremden Stadt auf öffentlichen Verkehr angewiesen zu sein, war für sie eine Erfahrung. Letzten Endes war aber auch das dreimonatige Auslandsprogramm für sie eine Verkürzung. Weil sie so statt an drei Abenden pro Woche von 18 bis 21 Uhr den ganzen Tag Vollzeit lernen konnte, hat sie in Spanien die Module von zwei Semestern in drei Monaten absolviert. Sie lernte in einer Gruppe mit anderen berufstätigen Studenten aus Hamburg, Essen und Berlin. Im ganztägigen Unterricht nahmen sie auf Englisch Themen wie operatives Marketing und Methoden des Business Consulting durch. Die Kurse wurden für ihren Bachelor in International Management komplett angerechnet. Menke hätte gerne auch mit internationalen Studierenden gelernt, aber so ein intensives Programm wäre in einer gemischten Gruppe wohl nicht möglich gewesen, glaubt sie. Trotz der deutschen Lerngruppe hat sie das Gefühl, durch den Auslandsaufenthalt ihren Horizont erweitert zu haben. Als nächstes möchte sie in die USA.

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