Wirtschaft : Stehen wir vor einer neuen Ölkrise? Nein, sagt US-Regierungsberater Daniel Yergin

Jobst-Hinrich Wiskow

Der renommierte Ölexperte Daniel Yergin glaubt nicht, dass der schnelle Anstieg des Ölpreises die Weltwirtschaft bedroht. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel wandte sich der Berater der US-Regierung gegen Krisenszenarien. Zuletzt hatten Analysten die jüngste Verdoppelung des Ölpreises mit den schweren Ölkrisen seit 1973 verglichen und vor dem abrupten Ende des weltweiten konjunkturellen Aufschwungs und des Börsenbooms gewarnt. Der Ölpreis ist seit Anfang des Jahres von 10,58 Dollar auf jetzt 21,97 Dollar für ein Barrel vom Typ Brent gestiegen - das ist eine Zunahme um 108 Prozent.

"Ich habe keine Angst vor diesem Preis", sagte Yergin, der Präsident des internationalen Beratungsunternehmens Cambride Energy Research Associates in Cambridge/USA ist. "Der Preis kehrt zurück zu seinem Ausgangspunkt vor der Asienkrise." Der Kollaps in Asien habe zu einem dramatischen Einbruch geführt. Zudem hatten die Staaten der Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec) ihre Ausbringungsmenge erhöht und den Preis weiter unter Druck gesetzt. "Viele Analysten machen Fehler, wenn sie den Ölpreis interpretieren", sagt Yergin. Wer die Entwicklung langfristig betrachtet, stellt nach Auffassung des Experten fest, dass er zwar höher als bislang in diesem Jahr ist, aber doch nicht bedenklich hoch. Der Preis schwanke, weil der Markt dazu neige, zu übertreiben und zu untertreiben.

Yergin gesteht ein, dass Preise von zehn bis zwölf Dollar für viele Branchen praktischer seien - zum Beispiel für Fluggesellschaften, deren Gewinne zuletzt auf Grund des Umschwungs auf dem Ölmarkt teilweise dramatisch fielen. Doch als Konjunkturbremse insgesamt wirke das Niveau zurzeit nicht. Schließlich befänden sich einige Sondereffekte im Preis, zum Beispiel das Jahr-2000-Problem. Die Branche sei eine High-tech-Industrie, die wie kaum ein anderes Segment von zuverlässigen Rechnern abhänge. Nach Auffassung von Yergin erwarten einige der Teilnehmer in den Märkten, dass es zu Behinderungen auf der Seite der Anbieter komme. Derartige Prognosen treiben den Preis.

Wann aber wird es gefährlich? Yergin sieht ein Risiko für den Aufschwung erst, sobald der Preis dauerhauft die Marke von 25 Dollar überwindet. Doch das sei, da ist der Fachmann sicher, selbst in einem sehr kalten Winter kaum zu erwarten. Eher würde die OPEC reagieren und mehr produzieren, um auf diese Weise Öl zu verbilligen. Schließlich stünde sonst politischer Druck des Westens zu erwarten, den die Opec vermeiden will.

Yergin sieht im teureren Rohstoff auch keinen Ersatz für Zinserhöhungen der Notenbanken. Zwar sei eingängig, dass beide Entwicklungen die Konjunktur abkühlen. Aber der Ölpreis schwanke stark und eigne sich daher nicht als Politik-Ersatz, der die Konjunktur zielgerichtet beeinflusse. Überdies verweist Yergin darauf, dass die US-Notenbank eh nur die Kern-Inflation für ihre Zinspolitik berücksichtige - und da tauchen der Ölpreis und die von ihm abhängigen Preise gar nicht auf. Ohnehin hänge der Konsum der privaten Haushalte nicht davon ab, für wie viel das Barrel verkauft wird. "Europäische Verbraucher merken sowieso nichts von Preisänderungen, weil das meiste, das sie zahlen, ohnehin Steuern sind", erklärt Yergin, der als einer der bedeutendsten Kenner des Ölmarkts gilt.

In seinem Beratungsunternehmen für Öl-, Gas- und Elektrizitätsmärkte sind 220 Mitarbeiter tätig. Die Firma unterhält zwölf Büros, darunter in Paris, Oslo und Moskau. Yergin gelang es, seine Kenntnisse in einem Bestseller zu verarbeiten: "Der Preis - Die Jagd nach Öl, Geld und Macht" erschien vor acht Jahren und erhielt den Pulitzer-Preis.

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