Steigende Mieten : Berliner Industrie fordert Bauprogramm gegen Wohnungsnot

Die Berliner Bauindustrie freut sich über steigende Mieten, die Investoren auf den Wohnungsmarkt locken. Gleichzeitig fordert sie vom neuen Senat ein Wohnungsbauprogramm, um auch günstigen Wohnraum zu schaffen.

von
Verzweifelt gesucht. Bis zu 80 000 Wohnungen fehlen dem Verband zufolge.
Verzweifelt gesucht. Bis zu 80 000 Wohnungen fehlen dem Verband zufolge.Foto: picture alliance / dpa

Ein neuer Wohnungsmangel in Berlin schreckt die Industrie auf. Zugleich laufen deren Geschäfte wegen des Wohnungsbaus so gut wie lange nicht. „In der Stadt fehlen zwischen 40.000 und 80.000 Wohnungen“, sagte der Präsident des Bauindustrieverbands Berlin-Brandenburg, Marcus Becker, dem Tagesspiegel. „Die Mieten explodieren.“ Der Verband forderte den neuen Senat auf, gegenzusteuern. „Rot-Schwarz muss ein Wohnungsbauprogramm auflegen“, sagte Axel Wunschel, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes. Vor allem die Genehmigungsverfahren für Bauprojekte müssten vereinfacht und beschleunigt werden.

Der Senat müsse außerdem für ausreichend günstigen Wohnraum sorgen. „Wir wollen keinen sozialen Wohnungsbau, aber es muss finanzielle Unterstützung bei den Mieten geben“ sagte Becker. Beispielsweise regt er an, der Senat könne für Studenten die häufig aus drei Monatsmieten bestehende Kaution übernehmen. „Auch der Wohnberechtigungsschein wird wieder an Bedeutung gewinnen“, meinte Becker.

Der Senat solle dabei auf die Investoren zugehen. „Wir fordern, dass die Standards für den Bau von niedrigpreisigeren Wohnungen gesenkt werden“, erklärte Wunschel. Anders seien Quadratmetermieten von fünf Euro nicht mehr möglich. Auch die steigenden Energiekosten spielten eine wichtige Rolle. „Die energetische Sanierung muss weiter gefördert werden, damit der Anstieg der Betriebskosten eingedämmt wird.“

Generell ist die Bauwirtschaft in der Region optimistisch. „Der Wohnungsbau ist sensationell erfolgreich“, sagte Becker. „Die volatilen Aktienmärkte und die hohen Mieten locken die Investoren.“ Sie stecken ihr Geld lieber in langfristige Anlagen wie Immobilien, die zwar weniger Rendite versprechen als Aktien, dafür aber nicht so stark im Wert schwanken. „Derzeit verkaufen besonders dänische und irische Investoren etliche Grundstücke in Berlin“, sagt Becker, weil sie in- folge der Krise Liquidität bräuchten. Doch alles in allem gebe es noch immer „weniger freie Grundstücke als man Wohnungen bauen könnte“, sagte Becker.

100.000 Schlaglöcher in der Stadt

Auch beim Straßenbau sind die Berliner Firmen dem Verband zufolge mit der Auftragslage zufrieden. Weil viele Straßen in der Stadt marode seien, müsse nun in die Infrastruktur investiert werden. „Berlin hat hier im vergangenen Jahrzehnt massiv gesündigt“, sagte Wunschel. Schätzungen zufolge gibt es rund 100.000 Schlaglöcher in der Stadt.

Der Bauindustrieverband kritisierte die Entscheidung von Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), beim Ausbau der Wasserstraßen im Osten der Republik zu sparen. In der Region Berlin-Brandenburg sind davon die Schleuse Kleinmachnow am Teltow-Kanal, das Spandauer Horn und der Westhafen betroffen. Um mehr Transport von der Straße aufs Wasser zu verlagern, müsse etwa der Westhafen vertieft werden. „Derzeit ist er für große Containerschiffe kaum befahrbar“, kritisierte Wunschel. Die Schleuse in Kleinmachnow sei ebenfalls zu klein für große Transporte. Am Spandauer Horn, wo die Spree in die Havel mündet, ist nur einspuriger Schiffsverkehr möglich. „Viele Firmen an der Oder würden gerne den Wasserweg zum Transport nutzen, aber sie kommen nicht durch“, sagte Wunschel.

Proteste gegen steigende Mieten
Schöne Aussichten gesucht. Immer mehr Berliner leiden unter steigenden Mieten und Lebenshaltungskosten. Einige Tausend demonstrierten deswegen am vergangenen Wochenende.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Günter Peters
03.09.2011 18:34Schöne Aussichten gesucht. Immer mehr Berliner leiden unter steigenden Mieten und Lebenshaltungskosten. Einige Tausend...

Der Hauptgeschäftsführer und Baupräsident Becker begrüßten ausdrücklich die ersten Entscheidungen in den Berliner Koalitionsverhandlungen, nämlich den Bau der A100 und der Landesbibliothek. Von beiden Projekten würden Berliner Firmen profitieren. Dabei sorgt bereits aktuell die gute Branchenkonjunktur für steigende Beschäftigtenzahlen. In Berlin und Brandenburg arbeiteten zuletzt fast 38 000 Personen im Baugewerbe – fast 1000 mehr als ein Jahr zuvor.

Allerdings waren im Jahr 2000 noch mehr als 63.000 Bauleute in der Region tätig. „Vielleicht haben wir damals zu viele Arbeitsplätze abgebaut, das macht uns jetzt Schwierigkeiten“, sagte Wunschel. Denn der Bedarf an Fachkräften steigt und die Rekrutierung wird schwerer. Bundesweit verliert der Bau jedes Jahr rund 12.000 Arbeitskräfte , aber nur 7000 rücken nach. „Uns fehlen vor allem Bauingenieure“, sagte Becker.

11 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben