Wirtschaft : Steigende Zinsen lassen die Börsen kalt

Europäische Zentralbank hebt den Leitzins auf 3,25 Prozent an – der Dax steigt dennoch auf den höchsten Stand seit Mai

Carsten Brönstrup,Stefan Kaiser

Berlin - Trotz der steigenden Leitzinsen in Europa herrscht an den Aktienmärkten eine ungetrübte Zuversicht. Nach der Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) um 0,25 Prozentpunkte vom Donnerstag kletterte der Deutsche Aktienindex Dax erneut um 0,5 Prozent auf 6075 Punkte. Das ist der höchste Stand seit Mitte Mai. Der amerikanische Dow-Jones-Index kletterte am Donnerstag den dritten Tag in Folge auf einen neuen Rekordstand. Die US-Notenbank Fed hatte am Vortag den Verzicht auf weitere Zinserhöhungen angedeutet.

Die EZB hob den maßgeblichen Leitzins, zu dem sich die Banken Geld bei der EZB leihen können, am Donnerstag auf 3,25 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2001 an. Es war die fünfte Erhöhung seit Dezember vergangenen Jahres. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet begründete den Schritt erneut mit steigenden Inflationsrisiken. Er kündigte mindestens eine weitere Anhebung an. Die Inflation werde um die Jahreswende „auf einem Niveau über zwei Prozent“ liegen. Die EZB indes strebt eine Zielmarke von weniger als zwei Prozent an.

Volkswirte rechnen damit, dass die Zentralbank auf ihrer übernächsten Sitzung im Dezember eine erneute Erhöhung um 0,25 Punkte beschließen wird. Einige Beobachter erwarten sogar noch ein bis zwei weitere Zinsschritte im kommenden Jahr. Auch dann werden die Zinsen in Europa aber noch deutlich unter dem Niveau der USA liegen. Dort steht der Leitzins derzeit bei 5,25 Prozent.

Eigentlich sind steigende Zinsen Gift für die Aktienmärkte, weil sie andere Anlageformen attraktiver machen. Trotzdem zeigten Finanzmarktexperten sich am Donnerstag wenig beeindruckt. „Die Zinserhöhung war erwartet worden“, sagte Florian Weber, Vorstand beim Wertpapierhandelshaus DKM. „So etwas schreckt die Börsianer nicht.“ Selbst wenn die Zinsen noch um ein weiteres halbes Prozent stiegen, könnten die Anleger gut damit leben, meinte Weber.

Er erwartet, dass die Aktienmärkte in den USA und Europa in den nächsten Monaten noch weiter von der robusten Konjunktur und den hohen Gewinnen der Unternehmen profitieren werden. „Die Leute sitzen auf Paketen mit Geld und müssen es investieren“, sagte Weber mit Blick auf Aktienfonds und andere institutionelle Anleger. Bis zum Jahresende könne der Dax noch auf 6300 Punkte steigen, Anfang 2007 traut Weber ihm sogar 6500 Punkte zu. Eine Überhitzung drohe erst dann, wenn die Unternehmensgewinne wieder deutlich zurückgehen, meint der Aktienhändler. Doch damit rechnet er zumindest in den nächsten Monaten noch nicht.

Gefahren drohen allerdings von der Konjunkturseite. Eine „harte Landung“, also ein abruptes Ende des Wachstums, könnte auch die Aktienmärkte hart treffen. Wirtschaftsforscher erwarten zumindest eine spürbare Abkühlung der Weltkonjunktur im kommenden Jahr. Vor allem in den USA gibt es Anzeichen für ein Ende des jahrelangen Booms.

Auch in Deutschland dürfte sich das Wachstum verlangsamen. Der Bankenverband präsentierte am Donnerstag seine Prognose, wonach das Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr um 2,2 Prozent wachsen soll – das wäre das stärkste Plus seit 2000. Im kommenden Jahr halten die Experten aber eine Abkühlung auf nur noch 1,1 Prozent für wahrscheinlich. Als Grund führen sie vor allem die Erhöhung der Mehrwertsteuer an.

Einige Analysten warnen, die Anleger könnten das Konjunkturrisiko unterschätzen. „Die Marktteilnehmer verhalten sich so, als würde es sich nur um eine kleine Wachstumsdelle handeln“, sagte Markus Reinwand, Aktienstratege bei Helaba Trust. „Wir glauben aber nicht, dass die Konjunkturlandung so reibungslos vonstattengeht.“

Zwar sieht auch Reinwand derzeit noch keine Überhitzung der Märkte. In den kommenden Monaten rechnet er allerdings mit negativen Überraschungen bei der Konjunktur. „Die Szenarien an den Märkten können schnell drehen“, warnt Reinwand. Das habe man im Mai gesehen, als der Dax binnen weniger Wochen mehr als zehn Prozent verloren hatte. Auch deshalb sieht die Helaba Trust den Dax zum Jahresende unter der Marke von 6000 Punkten.

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