Wirtschaft : Steigender Ölpreis birgt Risiken für die Geldpolitik der EZB

mak/HB

Der steigende Ölpreis stellt die Geldpolitik nach Auffassung führender Bankvolkswirte vor ein verändertes Szenario. Er dürfte bei der morgigen Sitzung des Rates der Europäischen Zentralbank (EZB) eine wichtige Rolle spielen. "Die Inflationsrisiken haben zugenommen und gleichzeitig sind die Risiken für die Konjunktur gestiegen, weil die höheren Ölpreise Kaufkraft abschöpfen", sagte Ulrich Beckmann, Leiter des Research Büros Frankfurt der Deutschen Bank, dem Handelsblatt.

Mit 2,5 Prozent ist die von Eurostat geschätzte Inflationsrate für den Euro-Raum für März weit höher ausgefallen als erwartet. Der Ölpreisanstieg dürfte sich darin bereits niedergeschlagen haben. Die EZB ist bisher davon ausgegangen, dass der Harmonisierte Verbraucherindex (HVPI) demnächst wieder unter zwei Prozent fallen wird. Nach Ansicht von Dieter Wermuth, Chefvolkswirt der japanischen Finanzgruppe UFJ, könnte das durch Basiseffekte bereits bei den April-Zahlen der Fall sein.

Die Inflationsprognose der EZB vom Dezember 2001, die die durchschnittliche HVPI-Inflation für das laufende Jahr in einer Bandbreite von 1,1 Prozent bis 2,1 Prozent ansiedelte, unterstellt für Rohöl der Marke Brent allerdings noch einen jahresdurchschnittlichen Preis von 18,32 Dollar pro Barrel. Seit Januar hat sich der Rohölpreis aber kontinuierlich von 19,40 Dollar auf derzeit 26,50 Dollar erhöht. "Die Märkte sind durch Kriegsgefahren verunsichet", sagt Wermuth. Eine Lösung sei nicht in Sicht.

Einig sind sich die Fachleute, dass die Ölpreisentwicklung für sich noch kein Grund für die Notenbank ist, die Zinsen zu erhöhen. Ein rascher Zinsschritt wird daher auch nicht erwartet. "Entscheidend ist, ob die Ölpreise länger hoch bleiben und Spielräume für höhere Lohnabschlüsse eröffnen", sagt Beckmann. In diesem Fall müsste die EZB die Zinsen notfalls anheben. Die Konjunktur würde dadurch gebremst. "Die Tarifpartner sind also gut beraten, die Ölpreise als externen Schock hinzunehmen und keine hohen Lohnforderungen daran zu knüpfen."

Auch für den Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank, Martin Hüfner, "liegt der Knackpunkt bei den Lohnverhandlungen". Sollte es zu unerwartet hohen Abschlüssen von über drei Prozent kommen, sei das für die EZB ein klares Signal zu reagieren. Wermuth schätzt die Risiken an der Lohnfront allerdings gering ein.

"In der Phase des Übergangs von einem internationalen Zinszyklus zum nächsten befindet sich die EZB in einer schwierigen Situation", sagt Hüfner. Vor ihr werde aber die amerikanische und die britische Notenbank die Zinsen erhöhen. Deutsch-Bank-Eperte Beckmann sieht die Konjunktur im Euro-Raum im zweiten Quartal anspringen, wenn sich die Situation am Ölmarkt nicht noch deutlich verschärft. Die erste Zinsanhebung um 25 Basispunkte erwartet er im September, eine weitere bis zum Jahresende. Auch für Wermuth besteht zunächst kein Grund für eine Zinserhöhung. "Die EZB sollte abwarten, bis wir eine halbwegs normale Auslastung des Produktionspotenzials erreicht haben. Und davon sind wir noch weit entfernt."

0 Kommentare

Neuester Kommentar