Wirtschaft : Steiler Aufstieg und tiefer Fall der Schwellenbörsen

PETER HEIN

Auch wenn es bis zum Jahresende noch ein paar Monate hin sind, für Aktienanleger dürfte schon jetzt eins sicher sein: Die Kursturbulenzen im August werden die Jahresbilanz in ihrem Depot kräftig versauen.Der Deutsche Aktienindex Dax zum Beispiel hat im Hochsommermonat annähernd 18 Prozent an Wert eingebüßt.Und der Dow Jones mußte an der New Yorker Wall Street 15 Prozent abgeben.

Dabei sind es nicht einmal negative Wirtschaftsmeldungen aus Deutschland oder Amerika selbst, die die Kurse mächtig unter Druck setzen.Es sind Finanz- und Wirtschaftskrisen in Ländern, von denen vor fünf oder zehn Jahren kaum vorstellbar war, daß sie sich auf absehbare Zeit zu so etwas wie einer Industrienation entwickeln könnten - und schon gar nicht, daß es dort eine Börse geben könnte.

Mittlerweile allerdings haben diese Emerging Marktes - wie sie in der Fachsprache genannt werden - ihren festen Platz in der Finanzwelt gefunden und vermeintlich exotische Börsenplätze wie die in Moskau, Johannesburg und Shanghai locken Anleger in Scharen.

Emerging Markets, das läßt sich in etwa mit aufstrebende Märkte übersetzen.Nach einer Definition der Weltbank zählen dazu all diejenigen Länder, deren Wirtschaftsleistung ein Pro-Kopf-Einkommen zwischen 8400 und rund 8700 US-Dollar erzielt und die über einen funktionierenden Aktienmarkt verfügen.Derzeit erfüllen etwa siebzig Länder diese Kriterien, doch was ist ein funktionierender Aktienmarkt? Gemessen am Standard eines hochentwickelten Aktienmarktes wie etwa den der USA befinden sich die Börsenplätze vieler Emerging Markets in einer Art embryonalem Zustand, weswegen von Bankern und Brokern auch gerne der Begriff Schwellenbörsen verwendet wird.Zwar findet an der Börse in Kairo oder Accra mitunter ein reger Handel statt, aber mit den Abrechnungssystemen und vor allem dem Eigentumsübertrag der gekauften Papiere hapert es noch in vielen Fällen.

Demgegenüber brauchen die Börsen in Hongkong, Singapur oder Malaysia einen internationalen Vergleich nicht zu scheuen.Die Tigerstaaten Südostasien gelten als klassische Emerging Markets und ihre Entwicklung ist typisch für die von Schwellenregionen.Anfang der neunziger Jahre lockten Indonesien, Singapur und Co.internationale Anleger mit im Vergleich zu den Industrienationen überdurchschnittlich hohen Wachstumsraten.Dementsprechend stark steigen auch die Unternehmensgewinne, was die Aktienkurse naturgemäß beflügelt.Dabei waren es vor allem Investitionen in die notwendige Infrastruktur wie etwa für Verkehr, Telekommunikation oder Energie, die die Konjunktur in Fahrt hielten.Dieses Konjunkturprogramm wurde allerdings vor allem mit ausländischem Kapital finanziert.

Schon im Zuge der Peso-Krise im Jahr 1995, spätestens aber seit dem Sommer letzten Jahres zeigt sich die Kehrseite dieser Medaille.Da es mit den hohen Wachstumsraten in den Tigerstaaten zunächst einmal ein Ende zu haben scheint, ziehen die Anleger massiv ihre Gelder ab und lösen damit eine Kettenreaktion aus: Die Währungen der betreffenden Länder kommen unter Druck, wodurch die Auslandsverbindlichkeiten der Unternehmen bis hin zur faktischen Pleite steigen.Das wiederum verstärkt den Druck auf die Aktienkurse, wobei es aufgrund der mangelnden Liquidität vieler Schwellenbörsen bei einer Talfahrt der Kurse ohnehin kaum möglich ist, rechtzeitig aussteigen zu können.Und weil die Anleger dann noch retten wollen, was zu retten ist, lösen sie gleichzeitig auch noch ihre Positionen an anderen Schwellenbörsen auf.Die Folge: Auch die als "gesund" geltenden Börsen geraten in den Abwärtsstrudel wie jetzt im Zuge der Rußlandkrise.

Das spekulative "Spielgeld" ist ohnehin schon längst wieder woanders - vielleicht an der ghanaischen Börse in Accra.Die hat sich nämlich bisher tapfer gehalten.

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