Wirtschaft : Steine für das Haus Europa

Der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft feiert 50. Geburtstag

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Berlin (alf). Der Gast bekam ungewohnte Töne zu hören. Und das ausgerechnet von einem hochrangigen Wirtschaftsvertreter. Er danke Gerhard Schröder „für das beispielhafte persönliche Engagement“, sagte DaimlerChrysler-Manager Klaus Mangold. Und dem Kanzler wird es wohl gefallen haben, als Mangold die Zusammenarbeit mit dieser Bundesregierung lobte: „Es könnte besser nicht sein.“ Nun sprach Mangold am Montagabend nicht als Vertreter des Autokonzerns, der durch die jüngst beschlossene Erhöhung der Dienstwagensteuer Umsatzverluste befürchtet. Mangold hatte vielmehr als Vorsitzender des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft geladen, um den 50. Geburtstag der Institution zu feiern, die den Kalten Krieg so gut überstanden hat. Unter den rund 300 Gästen befanden sich die Regierungschefs aus Russland, Serbien und Rumänien, deutsche Minister, Wirtschaftsleute aus Ost wie West und Michail Gorbatschow. Und natürlich Otto Wolff von Amerongen.

Gorbatschow würdigt Otto Wolff

Knapp 45 Jahre, bis ins Jahr 2000, hatte Wolff den Ost-Ausschuss geführt. Am Montagabend war dem hochbetagten Brückenbauer zwischen den Blöcken die Freude über Ort und Augenblick anzumerken: „Wenn mir jemand in den 50er Jahren vorausgesagt hätte, dass ich im Jahr 2002 im Hotel Adlon den 50. Geburtstag des Ost-Ausschusses feiern würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt.“ Aber vielleicht hat gerade der Ost-Ausschuss dazu beigetragen, dass dies möglich wurde. Zwar meinte Wolff bescheiden, es sei den Ausschuss-Leuten darum gegangen, „verloren gegangene Märkte wiederzugewinnen“. Dieser Zurückhaltung widersprach indes Michail Gorbatschow. Der Ausschuss habe „Steine für das europäische Haus zusammengetragen“. Steine, die schließlich „auch die Wiedervereinigung ermöglicht haben“. Dass er selbst dazu ganz entschieden beigetragen hat, würdigte Klaus Mangold, indem er an die „visionäre Kraft und den historischen Mut“ Gorbatschows erinnerte. Der wiederum hoffte auf „noch bessere Beziehungen zwischen unseren Ländern“, erwähnte den hohen Modernisierungsbedarf in der russischen Industrie und die „hervorragenden Perspektiven“ des dortigen Marktes.

Bundeskanzler Schröder sah den Ost-Ausschuss an der Seite von Bundeskanzler Brandt. Sowohl der Sozialdemokrat als auch die Wirtschaft hätten einen „Leitgedanken“ gehabt, nämlich „Wandel durch Annäherung“. Von Brandts Ostpolitik zur Osterweiterung der EU: In der kommenden Woche wollen die Regierungschefs in Kopenhagen die Erweiterung der Union besiegeln. „Damit „überwinden wir die Teilung Europas“, sagte Schröder. Trotz aller historischen Anklänge – an der Tagespolitik kam Schröder auch an diesem Adlon-Abend nicht vorbei. Eher matt trug er den Wirtschaftsleuten sein Reformprogramm vor – „wirkliche“ Arbeitsmarktreformen, Transparenz und Wettbewerb im Gesundheitssystem, und Steuern, „die auch entrichtet werden“. Alles in allem gehe es „um Gemeinsinn vor Eigennutz“. Das unterscheidet ihn von Otto Wolff, dem es immer ums Geschäft ging. Freundschaften und Völkerverständigung gab es nebenbei.

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