Wirtschaft : "Stellen werden gestrichen"

Das in Geislingen ansässige Institut für Automobilwirtschaft (IFA) befaßt sich mit Fragen des Autovertriebs und des Kraftfahrzeughandels.Das vom Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe getragene IFA gehört zur Fachhochschule Nürtingen.Mit dem Leiter des Instituts, Professor Willi Diez, sprach Alfons Frese.

TAGESSPIEGEL: Herr Diez, was steht uns bevor, wenn sich demnächst die Autokonjunktur abschwächt?

DIEZ: Im kommenden Jahr erwarten wir in Deutschland einen um zwei Prozent steigenden Autoabsatz nach rund fünf Prozent in diesem Jahr.Mittelfristig wird es auf den großen Märkten kein Wachstum mehr geben, also in Europa, den USA und Japan.Da jedoch die Produktivität weiter steigt, werden Arbeitsplätze abgebaut.

TAGESSPIEGEL: Die IG Metall fürchtet den Verlust von 200 000 Autojobs bis 2010.

DIEZ: Das ist hoch gegriffen.Aber sicherlich werden in Europa Überkapazitäten abgebaut und Stellen gestrichen.Zusätzliche Arbeitsplätze entstehen mittel- und langfristig nur in den Wachstumsmärkten Südostasien, Lateinamerika und Osteuropa.

TAGESSPIEGEL: Sie erwarten weitere Fusionen und Kooperationen unter den Herstellern.Kann BMW allein überleben?

DIEZ: Unter den deutschen Herstellern befindet sich BMW in einer besonders schwierigen Situation.Auf der einen Seite besitzt man ein ausgezeichnetes Markenimage, andererseits liegt das Produktionsvolumen von BMW und Rover jeweils unter der kritischen Schwelle von einer Million Fahrzeuge.Ein größerer Volumensprung - etwa durch die Plazierung Rovers auf dem US-Markt oder die Übernahme einer weiteren Marke - ist für den BMW-Konzern unverzichtbar.

TAGESSPIEGEL: Teilen Sie die Einschätzung von VW-Chef Piëch, wonach es langfristig nur noch sechs Automobil-Hersteller weltweit gibt? Und wer sind die nächsten Opfer?



DIEZ: Von der Tendenz her würde ich das unterstreichen.In Europa beispielsweise ist Volvo viel zu klein, um allein zu überleben.Schon vor Jahren haben die Schweden deshalb mit Renault Gespräche über eine Zusammenarbeit geführt.Das hätte auch Sinn, Volvo und Renault ergänzen sich gut.



TAGESSPIEGEL: Auch Zulieferer und Händler schließen sich zusammen.Werden die Autounternehmen in die Mangel genommen?

DIEZ: Was die Zulieferer anbelangt, werden die Hersteller die Geister nicht mehr los, die sie selber gerufen haben.Der Trend zu großen Systemlieferanten ist sicher noch nicht abgeschlossen.Auf der Vertriebsseite gibt es den Trend zum Systemhändler: Ford beispielsweise reduziert sein Netz von 800 Händlern in Deutschland auf 150, von denen jeder dann fünf oder sechs Filialen betreut.

TAGESSPIEGEL: Was bringt das?

DIEZ: Ein deutscher Hersteller hat berechnet, daß die Betreuung eines Händlers im Jahr rund 100 000 DM kostet.Wenn Ford also 600 Händler weniger hat, dann bringt das rein rechnerisch 60 Mill.DM.

TAGESSPIEGEL: Bedroht das Internet die Autohändler?

DIEZ: Nein.Das Internet wird als Informations- und nicht als Verkaufsmedium genutzt.Auch in den USA.Die Leute informieren sich dort über Modelle, vor dem Kauf machen sie aber immer eine Probefahrt.

TAGESSPIEGEL: Im deutschen Kfz-Gewerbe arbeiten rund 530 000 Menschen.Was tut sich zukünftig in den Werkstätten?

DIEZ: Voraussichtlich sinkt der Wartungs- und Reparaturbedarf in den kommenden zehn Jahren um 25 Prozent; entsprechend geht die Beschäftigtenzahl zurück.Das hängt damit zusammen, daß die Reparaturanfälligkeit der Autos sinkt.Die Wartungsintervalle sind von 15 000 auf 30 000 Kilometer gestiegen und werden irgendwann bei 45 000 Kilometern liegen.

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