Stellenabbau bei EADS : „Man kann da nicht so einfach Tschüss sagen“

Der Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS will allein in Deutschland 2600 Stellen streichen. Ein Ingenieur berichtet, was er erwartet.

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Joachim Kanberg arbeitet seit 44 Jahren in der Rüstung. Foto: privat
Joachim Kanberg arbeitet seit 44 Jahren in der Rüstung.Foto: privat

Bislang hat es Joachim Kanberg Spaß gemacht, Probleme zu lösen. Seit mehr als vier Jahrzehnten entwickelt der Projektleiter und Systemingenieur im Namen seines Unternehmens Cassidian Radar-Komponenten. Vor 44 Jahren hat der 59-Jährige als Azubi bei dem damals noch zu Siemens gehörenden Rüstungsbetrieb in München angefangen. Dass Kanberg nun aber zum ersten Mal in seinem Leben über seine eigene berufliche Zukunft nachdenken muss, schmeckt dem Spezialisten gar nicht: Der Cassidian-Mutterkonzern EADS will seine Arbeitsstätte in Unterschleißheim im Zuge von Sparmaßnahmen schließen. Keiner der dort Beschäftigten weiß bisher, wohin die Reise künftig geht.

„Gerüchte über die Abbaupläne gab es ja schon lange“, sagt Kanberg. „Die Kollegen anderer Standorte haben Witze darüber gemacht, was dann wohl aus meinem Standort wird.“ Die Belegschaft ahnte, dass gravierende Veränderungen anstehen. Firmenchef Tom Enders habe im Intranet in den vergangenen Monaten immer wieder darauf hingewiesen. Allerdings habe man das Personal bis zuletzt über die Dimension der Sparpläne im Dunkeln gelassen. Erst aus der Presse hätten die Mitarbeiter Konkretes erfahren. „Das hat uns alle sehr verunsichert“, sagt Kanberg.

Seit Mittwoch ist die Verwirrung noch größer. Auf einer Mitarbeiterversammlung erfuhr Kanberg, dass die bislang am Standort ansässigen rund 150 Entwickler nicht wie der Rest der Unterschleißheimer Belegschaft nach Ottobrunn bei München, sondern ins rund 150 Kilometer entfernte Ulm oder nach Friedrichshafen am Bodensee umziehen sollen. Jetzt fragt sich der 59-Jährige vor allem, wie sein Privatleben künftig aussehen könnte. „Soll ich etwa pendeln und eine Wochenendbeziehung führen? Ganz ehrlich, das kommt im ersten Ansatz für mich nicht infrage“, sagt Kanberg.

Seine Frau hat in München einen sicheren Job im Vertriebsinnendienst. Zudem seien seine pflegebedürftigen Schwiegereltern auf familiäre Unterstützung angewiesen. „Man kann da nicht einfach so Tschüss sagen“, sagt der 59-Jährige. „Da kommen Sie schon ins Grübeln.“ Zu Kanbergs privaten kommen weitere Verpflichtungen: Die Eigentumswohnung in Schwabing ist noch nicht abbezahlt. Vorzeitig in Ruhestand zu gehen, was EADS betroffenen Mitarbeitern unter anderem anbietet, kommt für den Entwickler nicht infrage. „Mir macht die Arbeit Spaß, ich bin fit und wollte bis zur Rente dabeibleiben“, sagt er. Auch eine Abfindung zu kassieren und Cassidian zu verlassen hält Kanberg für keine adäquate Lösung. Der Systemingenieur hofft nun, dass er künftig am Standort Ottobrunn im südöstlichen Umland von München unterkommt: Dann könnte fast alles so bleiben, wie es ist.

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