Stellenabbau : Siemens setzt den Rotstift an

Der Siemens-Konzern veröffentlicht erste Zahlen zum Stellenabbau. Insgesamt sollen weltweit fast 17000 Arbeitsplätze gestrichen werden. Das betrifft auch den Standort Berlin.

Corinna Visser
Peter Löscher
Siemens muss schlanker werden, sagt Konzernchef Peter Löscher. -Foto: dpa

Berlin - Politiker und Gewerkschaft haben den von Siemens angekündigten massiven Stellenabbau scharf kritisiert. Minister Wolfgang Tiefensee (SPD), Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Länder, appellierte an die Konzernführung, mit dem geplanten Stellenabbau in Berlin den Aufbau in Ostdeutschland nicht zu gefährden. „Arbeitsplätze in Berlin sind nicht nur für die Hauptstadt wichtig, sondern gehören zu den industriellen Kernen, ohne die ein Aufschwung nicht möglich sein wird“, erklärte Tiefensee in Berlin. Siemens habe in der Hauptstadt eine besondere Verantwortung, denn die Wurzeln des Konzerns und seines Welterfolgs lägen in Berlin. „Im Geiste dieser Verantwortung sollte Siemens seinen Teil zu Arbeitsplätzen und damit Lebenschancen im Osten Deutschlands beitragen“, sagte Tiefensee.

Siemens-Chef Peter Löscher hatte am Mittag in München Details zum geplanten Stellenabbau genannt. Bis zum Jahr 2010 will Siemens seine Vertriebs- und Verwaltungskosten um 1,2 Milliarden auf unter elf Milliarden Euro senken. Dies geschehe vor dem Hintergrund der sich abschwächenden Weltkonjunktur, sagte Löscher. „Wir müssen jetzt handeln und unsere Kosten verringern, damit wir uns dann, wenn der Kampf um die Kunden härter wird, voll darauf konzentrieren können.“

Sparen will Siemens in drei Feldern: Erstens will der Konzern die Kosten für externe Berater reduzieren, zweitens die Kosten für die Informationstechnik- und Verarbeitung (IT), und drittens sollen die Verwaltungskosten sinken – und das bedeutet vor allem Einschnitte beim Personal. Konzernchef Löscher begründete die Maßnahmen unter anderem mit dem massiven Umbau, den der Konzern in den vergangenen Monaten hinter sich gebracht hat. Dabei wurde unter anderem der Vorstand verkleinert und das Unternehmen in den drei Sektoren Industrie, Energie und Gesundheit neu geordnet. „Weniger Vorstandsmitglieder führen eben auch zu einem geringeren Bedarf an Unterstützung durch Zuarbeit in der Zentrale“, sagte Löscher. Er betonte erneut, dass Siemens in punkto Verwaltungskosten Nachholbedarf gegenüber der Konkurrenz habe. Nach früheren Aussagen des Konzerns betragen die Verwaltungskosten bei Siemens 16 Prozent vom Umsatz, bei den Wettbewerbern seien es dagegen nur acht bis elf Prozent.

Neben den Sparmaßnahmen in der Verwaltung stehen aber noch weitere Restrukturierungen an, die ebenfalls Arbeitsplätze kosten werden. Betroffen davon ist vor allem die Division Mobility (Bahntechnik), die nicht die vorgegebene Rendite erzielt. Außerdem plant Siemens den Verkauf der Einheit SIMS, die mit Service- und Montagetätigkeiten befasst ist. Hiervon sind bundesweit 1200 Mitarbeiter betroffen.

Insgesamt werden die Maßnahmen weltweit 16 750 Arbeitsplätze kosten, 5250 davon in Deutschland. Der Konzern tritt nun in die Verhandlungen mit dem Betriebsrat ein. Auf betriebsbedingte Kündigungen will das Unternehmen – wenn möglich – verzichten. In Berlin sollen rund 350 Stellen wegfallen, sagte Personalvorstand Siegfried Russwurm. Details wo in den Regionen welche Stellen gestrichen werden, nannte er nicht. Nach Informationen aus Unternehmenskreisen sollen unter anderem in der Niederlassung Berlin 180 Stellen wegfallen. Derzeit arbeiten hier 1017 Mitarbeiter. Bei Siemens Transportation Systems sollen 60 Stellen gestrichen werden. In dem Werk in Treptow arbeiten derzeit 1089 Mitarbeiter. Insgesamt hat der Konzern an seinem weltweit größten Produktionsstandort Berlin rund 13 000 Mitarbeiter – und derzeit rund 200 offene Stellen. Gesucht werden Facharbeiter und Ingenieure.

Nicht nur Minister Tiefensee sieht den geplanten Jobabbau in Berlin kritisch. „Ich bin schon in Gesprächen mit Siemens – sowohl mit dem Standortverantwortlichen als auch mit dem Vorstand in München“, sagte Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) dem Tagesspiegel. Es gehe darum, Alternativen zum Arbeitsplatzabbau zu finden. „Es darf nicht zu betriebsbedingten Kündigungen kommen“, sagte Wolf.

Am Dienstag setzten Konzern und Arbeitnehmervertreter ihre Beratungen über den Arbeitsplatzabbau im Wirtschaftsausschuss fort. In dem Gremium werden die Arbeitnehmervertreter nur informiert. Der Gesamtbetriebsrat wird am 22. Juli entscheiden, wie er in die Verhandlungen gehen will.

Die IG Metall Bayern bezog schon einmal Stellung: „Siemens steht wirtschaftlich gut da, die Auftragsbücher sind voll“, sagte Bezirksleiter Werner Neugebauer. Der geplante Stellenabbau sei daher „weder nachvollziehbar noch akzeptabel und in diesem Umfang völlig überzogen“. Zudem gehe es nicht wie von Siemens angekündigt überwiegend um Stellen im mittleren und oberen Management. Tatsächlich beträfen die Pläne zu rund 75 Prozent Beschäftigte, die unter den Tarifvertrag der IG Metall fielen, beispielsweise Service-Techniker und Verwaltungskräfte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben