Stellenabbau : Wenn vor allem die Rendite zählt

Konzerne halten trotz ihrer Rekordgewinne am Jobabbau fest. Auch Mitarbeiter der Commerzbank sind davon betroffen und gingen deswegen heute auf die Straße.

Frankfurt/Main - Sie tun sich sichtlich schwer mit ihrer Argumentation - jene Konzernchefs, die trotz der jüngsten Rekordgewinne an ihrem massiven Stellenabbau festhalten. Am Mittwoch gingen genau aus diesem Grund tausende Mitarbeiter der Commerzbank auf die Straße und forderten, die Streichung von 900 Stellen zurückzunehmen. Angesichts eines auf eine Milliarde Euro knapp verdoppelten Gewinns im ersten Halbjahr und satten Dividendenversprechen haben sie für das Argument ihres Chefs Klaus-Peter Müller, nach der Übernahme der Eurohypo müssten Doppelungen abgebaut werden, wenig Verständnis.

Diese Diskussion kennen auch andere Konzernchefs nur zu gut. Rekorddividenden für Aktionäre, räumte etwa Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke ein, seien mit dem geplanten Wegfall von 32.000 Stellen in seinem Unternehmen für viele nur schwer vereinbar. Doch die Gewinne von heute seien in Wahrheit die Gewinne von gestern. Dass diese Argumentation gar nicht so weit hergeholt ist, wurde jedem bei Vorlage der unerwartet schlechten Halbjahreszahlen der Telekom in der vergangenen Woche klar.

Steigender Rechtfertigungsdruck

Allianz-Chef Michael Diekmann stand da schon unter größerem Rechtfertigungsdruck. Die Ergebnisse seien sehr gut, aber die Trends nicht, wand er sich. Denn die Börse hatte er mit der Ankündigung verzückt, 2006 gut eine Milliarde Euro mehr verdienen zu wollen als zuvor angekündigt. Der Wegfall von 7500 Stellen sei jetzt "stärker erklärungsbedürftig", gab Diekmann kleinlaut zu. Er erwarte "kaum großes Verständnis."

Und so kam es auch: Verdi-Bundesvorstand Uwe Foullong warf dem Allianz-Chef "soziale Verantwortungslosigkeit" vor. Gewerkschafts-Vize Franz Treml schimpfte, die Gewinne seien "von den Arbeitnehmern erwirtschaftet worden, die jetzt für ihren Einsatz sogar noch bestraft werden sollen". Und DGB-Chef Michael Sommer nannte generell all jene Konzernchefs, die trotz Gewinnen Stellen streichen, "vaterlandslose Gesellen".

Debatten-Auslöser Ackermann

Ausgelöst hatte die Debatte bereits im Februar 2005 Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, als er einen Milliardengewinn und zugleich den Abbau von 6400 Stellen verkündete. Damals war die Balance zwischen dem legitimen Streben nach Gewinn und der sozialen Verantwortung der Konzerne in den Augen von großen Teilen der Öffentlichkeit verloren gegangen. Seither dreht sich die Debatte im Kreis. Gewerkschaftler fordern einen Teil der Gewinne ein, denn mehr Lohn kurbele die Nachfrage an - und das schaffe Jobs. Die Wirtschaft hält dagegen: Abgesehen davon, dass nach Abzug von Steuern, Abgaben und Spargroschen kaum ein Konsumturbo übrig bleibe, bedeute mehr Lohn auch mehr Kosten für die Betriebe.

Hohe Löhne seien zwar erstrebenswert, sagt FDP-Fraktionsvize Rainer Brüderle. Unternehmen bräuchten aber auch risikobereite Investoren. Und diese erwarten nun einmal eine hohe Verzinsung ihres Kapitals. Damit sind auch Privatanleger gemeint, die in Aktien, Lebensversicherungen oder Riester-Renten sparen.

Gewinne fließen in Investitionen

Doch die oft gemäßigten Kleinaktionäre haben in den Konzernetagen wenig zu melden, weiß der Soziologe Paul Windolf. Es seien die Investmentfonds, die die Manager zu einer "kurzfristigen Strategie der Profitmaximierung" drängten. Die Anleger investierten in jene Fonds, die eine überdurchschnittliche Rendite vorweisen können, und die Fonds gäben den Druck dann an jene Unternehmen weiter, deren Aktien sie besitzen, beschreibt Windolf die Mechanismen.

Zwar erhielten auch die Investoren ihren Anteil, doch der größte Brocken der Gewinne fließe in Investitionen, beobachtet dagegen Mechthild Schrooten vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Unternehmen seien wieder auf Einkaufstour, "um Marktanteile zu halten oder auszubauen". So wie die Deutsche Bank. Nachdem er es jahrelang vernachlässigt hatte, hat der deutsche Branchenprimus das Privatkundengeschäft neu entdeckt und in nur sechs Wochen für die Berliner Bank und die Norisbank 1,1 Milliarden Euro hingeblättert. Damit stach der Branchenprimus auch die Commerzbank aus, die ebenfalls nach Übernahmekandidaten sucht. (tso/AFP)

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