Wirtschaft : Stemme GmbH & Co KG: Mit einer neuen Flugzeug-Generation feiert das Strausberger Unternehmen Erfolge

Rainer W. During

Die Stemme GmbH & Co KG, die seit 1992 am Flugplatz Strausberg östlich Berlins den erfolgreichen Motorsegler S10 baut, wird ihre Angebotspalette zu einer Flugzeugfamilie erweitern und ein neues Kundencenter errichten. Die Produktion soll bis 2004 von gegenwärtig 20 auf 100 Maschinen pro Jahr hochgefahren, der Umsatz verdreifacht werden, erklärte Geschäftsführer Reiner Stemme dem Tagesspiegel. Damit wird das Brandenburger Unternehmen zum Weltmarktführer in diesem Bereich. Auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung ILA, die am 6. Juni auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld beginnt, werden die neuen Projekte erstmals vorgestellt.

Die Erfolgsgeschichte des Unternehmens begann 1985 in Berlin. Damals hatte der Laser-Physiker und Hobby-Pilot Stemme die Idee, ein revolutionäres Segelflugzeug mit Hilfsmotor zu konstruieren. Ein Motor hinter dem Cockpit, der per Fernwelle einen Propeller an der Bugspitze antreibt, der sich dann, wenn er nicht benötigt wird, zusammenklappen und in der Flugzeugnase verstecken lässt. Das hatte es bis dahin nicht gegeben. Damit ist die S10 in der Lage, ohne die übliche Hilfe durch Seilwinde oder Schleppflugzeug zu starten und entfernte Segelfluggelände zu erreichen.

Als Stemme beschloss, diese Maschine ausgerechnet im damaligen Westberlin mit seinen alliierten Luftfahrtbeschränkungen zu bauen, hielten viele ihn für verrückt. Beim damaligen Wirtschaftssenator Elmar Pieroth fand er Unterstützung und die sonst so skeptischen Westmächte ließen ihn gewähren. Die ersten 30 Maschinen entstanden auf einem Fabrikgelände mitten im Wedding und wurden zum Einfliegen mit abgeschraubten Tragflächen auf dem Anhänger nach Braunschweig transportiert.

Insbesondere in den USA, wo es jede Menge Verkehrsflughäfen, aber kaum Segelflugplätze gibt, wurde die S10, die über ein einziehbares Fahrgestell verfügt und sich am Boden problemlos auch zwischen den größten Jets einreihen kann, zum Hit. Bald reichten die Kapazitäten im Weddinger Kiez nicht mehr aus, und der Mauerfall kam genau zur rechten Zeit. "Die Vereinigung war Teil unserer Geschäftspolitik", schmunzelt Stemme. Die Entscheidung für den neuen Firmensitz fiel 1992 auf Strausberg, weil es am ehemaligen Flugplatz des DDR-Verteidigungsministeriums bereits Hallen und eine befestigte Startbahn gab.

Gleichzeitig entstand auch das, was Stemme heute als seine "verlängerte Werkbank" in Polen bezeichnet. "Wir haben die lohn- und arbeitszeitintensiven Tätigkeiten ausgelagert und sind trotzdem in der Lage, die höchsten Qualitätsanforderungen zu erfüllen." Ein eigens zu diesem Zweck gegründetes Unternehmen mit 25 Mitarbeitern fertigt im Nachbarland Zelle und Flügel aus Verbundfaserstoffen zu einem Drittel der deutschen Produktionskosten und ermöglicht so den marktgerechten Preis. Für Endmontage, Ausrüstung, Prüfung und Vertrieb sorgen 35 Angestellte in Strausberg.

127 Flugzeuge zum Stückpreis von rund 430.000 Mark wurden bisher ausgeliefert, 75 Prozent davon gingen in die USA. Seit 1997 ist die Kapitalbeteiligungsgesellschaft des Landes Brandenburg Mehrheitsgesellschafter des Unternehmens, an dem außerdem neben Geschäftsführer Stemme drei private Investoren beteiligt sind. Seit 1999 fliegt die Gesellschaft in der Gewinnzone, der Vorjahresumsatz von 7,6 Millionen Mark soll 2000 auf 8,6 Millionen gesteigert werden. Doch das ist erst der Anfang.

Für Stemme ist die Zeit gekommen, das bisherige "High-End-Produkt" zur Basis einer Flugzeugfamilie zu machen. In der Entwicklung befinden sich als "Mittelklasse" ein Touring-Motorsegler mit Standard-Propeller und festem Fahrgestell sowie ein Schulmodell. Damit wird das Angebot um Maschinen erweitert, die stärker auch für den deutschen und europäischen Markt geeignet sind, für Vereine und den Fliegerclubs verbundene Piloten. Parallel dazu wird eine Spezialmaschine zur Erkundung von Umweltschäden konstruiert.

Der Umsatz des Unternehmens soll sich Stemme zufolge künftig bei 25 Millionen Mark einpendeln. In Strausberg, wo das Unternehmen eigene Leichtflugzeugbauer ausbildet, soll die Zahl der Arbeitsplätze binnen vier Jahren auf 50 Mitarbeiter wachsen. Direkt an der Startbahn entstehen Ausstellungsräume und ein Servicezentrum. Und auch beim polnischen Partner gibt es neue Jobs.

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