Wirtschaft : "Sterberisiko" für kleine Betriebe

KATHARINA VOSS

BERLIN .Auf ausgetrampelten Pfaden soll sich künftig die Arbeitsmarktpolitik nicht mehr bewegen: Darin waren sich jedenfalls die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion zur Arbeitslosigkeit am Mittwochabend im Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) einig.Neben Berliner Politikern und Wissenschaftlern kamen der dänische Arbeitsminister Ove Hygum und Allen Larsson, Generaldirektor bei der Europäischen Kommission, an das Reichpietschufer und plädierten für eine flexible, den Bedürfnissen der Arbeitslosen und der Unternehmen angepaßte Beschäftigungspolitik.

Der Erfolg der Dänen, die seit 1994 ihre Arbeitslosenquote von zehn auf vier Prozent gesenkt haben, sei nur durch eine Kombinatione verschiedener Instrumente möglich geworden, sagte Hygum.Er hob vor allem die "Jobrotation" hervor, bei der Arbeitnehmer bis zu einem Jahr für Qualifizierungsmaßnahmen freigestellt werden.Für dieses Jahr stellen die Unternehmen einen Arbeitslosen als "Stellvertreter" ein, der vom Arbeitsamt bezahlt wird.Rund 75 Prozent dieser Stellvertreter hätten anschließend einen festen Arbeitsplatz bekommen.Grund genug für Hygum, auch in Zukunft die Zahl der "rotierenden" Arbeitsplätze zu erhöhen.Ganz unproblematisch ist das Rotations- oder Stellvertretermodell trotzdem nicht: Schwierigkeiten gebe es vor allem bei der Beteiligung kleinerer Unternehmen, räumte Hygum ein.

Daß kleinere Unternehmen sich mit der Qualifizierung, aber auch mit der Übernahme von Mitarbeitern schwer tun, ist allerdings kein spezifisch dänisches Problem."Unsere Vermittlungsrate liegt bei 60 Prozent - sie könnte in größeren Unternehmen höher sein", sagte Bettina Uhrig, die das Berliner Modellprojekt "Jobrotation" für kleine und mittlere Unternehmen betreut.Von einem "Qualifizierungsdefizit" bei kleineren Berliner Unternehmen sprach Peter Senft von der IG Metall; Klaus Schömann vom WZB sah in der unzureichenden Weiterbildung sogar ein "Sterberisiko" für kleine Betriebe.

Trotzdem ist Bettina Uhrig mit dem im kommenden März auslaufenden Berliner Projekt zufrieden: 103 Unternehmen beteiligten sich, zwei weitere Projekte werden folgen.Nicht zufrieden ist Uhrig allerdings mit den politischen Rahmenbedingungen: Notwendig sei neben einem Europäischen Förderprogramm vor allem eine Änderung des deutschen Sozialgesetzbuches, um die Teilnahme an neuen Arbeitsmodellen zu erleichtern.Mit dieser Forderung war sie an diesem Abend nicht alleine: Schützenhilfe bekam Uhrig vor allem von den anwesenden Lokalpolitikerinnen, der Berliner Arbeitssenatorin Gabriele Schöttler (SPD) und der Bundestagsabgeordneten Sybill Klotz (Bündnis 90/Die Grünen)."Das ist mit uns kein Problem - beide Parteien haben die Änderung in ihrem Wahlprogramm", sagte Klotz; wann die Änderung kommt, blieb indes offen.

Nicht nur die Sozialgesetzgebung, auch die Regelungen für den Bildungsurlaub sind in Dänemark erheblich großzügiger als in Deutschland: "Wenn die Dänen sich alle fünf Jahre ein Jahr lang freistellen lassen können, ist das etwas ganz anderes als wenn wir in Deutschland zehn Tage Bildungsurlaub im Jahr haben", betonte Klaus Schömann vom WZB.Er schloß sich aber dem Einwand aus dem Publikum an, daß es noch Verbesserungsbedarf bei den Fortbildungsangeboten in Deutschland gebe.Aber auch in diesem Punkt machte der dänische Gast seinen Gastgebern Mut: Mehrere Jahre habe es in Dänemark gebraucht, bis man funktionierende, auf die Bedürfnisse der Unternehmen abgestimmte Programme bekommen habe, sagte Hygum.

Günther Schmid, Arbeitsmarktexperte am WZB, plädierte für ein Modell, mit dessen Hilfe Berlin in Zukunft vielleicht selber zu einem Beispiel moderner Beschäftigungspolitik werden könnte.Mit einem Blick zu Allan Larsson von der EU-Kommission schlug er vor, einen regionalen Beschäftigungspakt in Berlin-Brandenburg zu schließen.Nur unter der Voraussetzung der länderübergreifenden Zusammenarbeit mache ein solches Modell Sinn."Der Arbeitsmarkt wächst immer weiter zusammen und muß als Ganzes betrachtet werden", sagte Schmid.

Die Reaktionen auf seinen Vorschlag lassen allerdings vermuten, daß ein solcher Pakt wohl weniger an der EU als vielmehr an den Landespolitikern scheitern könnte.Larsson antwortete zwar unverbindlich, aber doch aufgeschlossen: "Ich würde sehr gerne eine solche Modellregion sehen, und biete Ihnen eine enge Zusammenarbeit mit der Kommission an." Arbeitssenatorin Schöttler wiegelte dagegen ab und verwies auf die Ländergrenzen: "Wenn wir erst einmal ein gemeinsames Bundesland wären, wäre das alles viel einfacher".

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