Steuern : Höhere Mehrwertsteuer heißt nicht zwingend Preisexplosion

Wenn zum Jahreswechsel die Mehrwertsteuer um drei Prozent-Punkte nach oben geht, dann wird's für alle teurer - möglicherweise mit Folgen für die gerade wieder erwachende Konsumlust der Verbraucher.

Hamburg - Das zumindestens befürchten Verbraucherverbände und Konjunkturforscher. Sollte die Steuererhöhung komplett auf die Verbraucher abgewälzt werden, würde der Warenkorb des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden - der die Konsumgewohnheiten der Bundesbürger abbildet - gut 1,4 Prozent teurer werden. «Unsozial», «unverantwortlich» und «konjunkturschwächend» heißt es von allen Seiten.

Während die Preise bei Lebensmitteln sich nicht erhöhen dürften, da diese dem niedrigeren Steuersatz von 7 Prozent unterliegen, könnte die neue Waschmaschine oder das Auto im nächsten Jahr das Loch in den deutschen Geldbörsen noch vergrößern. «Aber eigentlich ist die Wettbewerbssituation so dramatisch, dass es sich die Branchen nicht erlauben können, die Erhöhung eins zu eins an den Verbraucher weiterzugeben», beschwichtigt Christian Fronczak vom Bundesverband für Verbraucherschutz (vzbv).

Während viele mit einem deutlichen Preisschub erst zum 1. Januar 2007 rechnen, befürchtet Fronczak das schon in den kommenden Monaten. «Das ist ein schleichender Prozess.» Zahlreiche Händler würden jetzt an der Preisschraube drehen und dann zum Jahreswechsel noch einmal, wenn auch nur wenig, sagt der Verbandssprecher. «Und dann sagen sie, sie haben die Steuererhöhung nicht komplett an die Kunden weitergegeben», ärgert er sich.

Die deutschen Brauereien haben die geplante Mehrwertsteuererhöhung nach Einschätzung des Präsidenten des Deutschen Brauer-Bundes, Richard Weber, bereits vorweggenommen. «Ich glaube nicht, dass unser Bier wesentlich teurer wird, als es jetzt schon ist. Alle deutschen Brauereien haben schon die Preise erhöht.» Weber geht sogar noch weiter: «Ich prognostiziere: Die großen Handelsunternehmen haben alle schon im Januar, Februar die Erhöhung vorweggenommen. So ist es auch bei der Euro-Einführung gewesen.»

Jürgen Preißmann, zuständig für Verbraucherpreise beim Statistischen Bundesamt, hält ebenfalls steigende Preise noch vor der eigentlichen Steuererhöhung für möglich. Dennoch gibt er Entwarnung: «Auch bei der letzten Mehrwertsteuererhöhung wurde nicht alles komplett auf den Verbraucher umgewälzt.» Teilweise hätten die Händler noch «Puffer». In den meisten Fällen lasse der Markt einfach keine Preisexplosion zu. Nirgends in der EU ist der Verdrängungswettbewerb so groß wie in Deutschland.

Und die Zahlen geben Preißmann recht. Nachdem am 1. April 1998 die Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt auf 16 Prozent angehoben wurde, verteuerte sich der Warenkorb in den folgenden zwölf Monaten im Schnitt um nur rund 1 Prozent. Belege für erhebliche Verteuerungen bereits in diesem Jahr gebe es noch nicht, erläutert Preißmann.

Auch beim Handelsriesen Metro aus Düsseldorf, zu dem auch die Elektronikmärkte Media-Markt und Saturn gehören, werden die Befürchtungen der Kunden gedämpft. «Momentan ist es noch sehr schwierig die Preisentwicklung vorherzusagen, wir sind noch weit entfernt vom 1. Januar 2007», sagt Metro-Sprecher Albrecht von Truchseß. Er rechnet mit einem ganz anderen Vorzieheffekt: «Die Kunden werden vor allem im vierten Quartal ihre Anschaffungen vorziehen», meint Truchseß mit Blick auf vergangene Steuererhöhungen. Die dann eingefahrenen Umsätze würden das erwartet schwächere Geschäft in den ersten drei Monaten 2007 voraussichtlich wieder ausgleichen. Dies hätten bereits frühere Mehrwertsteuererhöhungen gezeigt.

Wie schon bei der vergangenen Umsatzsteuererhöhung und der Euro- Einführung wird die so genannte gefühlte Inflation beim Blick auf die Preistafeln nicht gerade konsumfördernd sein. Die gefühlte Inflation liegt der Erfahrung nach höher als die tatsächliche Inflation. Experten erklären das damit, dass jene Güter in der Regel besonders starke Preisschübe erfahren, die die Kunden bar bezahlen und damit mehr Beachtung finden. Kein Wunder, dass eine höhere Mehrwertsteuer Gastronomie, Handwerk, Industrie sowie dem Einzelhandel sauer aufschlägt, die auf Grund des starken Wettbewerbs die drei Prozent- Punkte nicht voll auf ihre Kunden abwälzen können. (tso/dpa)

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