Wirtschaft : Steuern sparen hinterm Deich

In Norderfriedrichskoog zahlen selbst Weltkonzerne nicht einen Cent an den Fiskus

Rolf Obertreis

Frankfurt (Main). 25 Männern, 17 Frauen, nicht einmal 20 Häuser: Norderfriedrichskoog ist alles andere als der Nabel der Welt. Der Weiler in Nordfriesland nahe Husum fristet ein beschauliches Dasein. Das dachten lange Zeit auch die Manager der Deutschen Bank im fernen Frankfurt (Main). Bis sie auf den besonderen Vorzug von Norderfriedrichskoog stießen: Norderfriedrichskoog ist ein Steuerparadies. Mitten im Hochsteuerland Deutschland verlangt Norderfriedrichskoog nicht einen Cent Gewerbesteuer. Auch andere Steuern werden hier nicht erhoben.

Den Vorteil des kleinen Deichfleckens hatten zuvor schon andere Manager namhafter Konzerne entdeckt, darunter RWE, Eon, der Pharma-Konzern Eli Lilly und der Erotik-Konzern Beate Uhse. Insgesamt 350 Unternehmen haben im Nordfriesischen einen Ableger. Seit Anfang des Jahres gehört auch die Deutsche Bank dazu. DB Value nennt sich die Tochterfirma mit eigenem Büro und einem halben Dutzend Mitarbeitern. In der Koogstraat 4 in 25870 Norderfriedrichskoog sparen die Banker kräftig Steuern, zur Freude der 42 Einwohner. Bei der DB Value werden die milliardenschweren Aktienpakete der Deutschen Bank verwaltet. 11,91 Prozent an Daimler Chrysler – Börsenwert mehr als vier Milliarden Euro – rund zehn Prozent an Linde, rund neun Prozent an mg technologies und Heidelberger Zement, 11,3 Prozent an Südzucker, 10,5 Prozent an Buderus oder 3,6 Prozent an der Allianz. Die Dividenden kann die Bank in Norderfriedrichskoog steuerfrei einstreichen. Das bringt jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge. Der Aufwand lohnt, auch wenn Bürofläche hinterm Deich teuer ist. Von bis zu 150 Euro pro Quadratmeter ist die Rede. In Frankfurt verlangen die Vermieter nicht einmal ein Drittel.

Meetings im Kuhstall

Dass die Banker dieses Schlupfloch so spät entdeckt haben, verwundert. Schon seit den achtziger Jahren zieht das Dorf auf der Halbinsel Eiderstedt Unternehmen an: Beteilungsfirmen, Grundstücksverwaltungen, Finanzdienstleister, Schiffs- und Flugzeugcharterer. Sie alle profitieren von der Steuerfreiheit. Die hat in Norderfriedrichskoog Tradition und historische Wurzeln. 1696 zogen Bauern einen Deich um das Gebiet. Als Lohn erließ ihnen der Landesherr die Steuer.

Dass nach wie vor Steuerfreiheit gilt, hat seinen Grund in einem Landverkauf an ortsansässige Bauern im Jahre 1972. Ein Teil des Kaufpreises wurde direkt an die Gemeinde gezahlt, der Rest wird bis 2008 abgestottert. Die Einnahmen decken alle Ausgaben des Dorfes. Und mehr als das. Also verlangt Norderfriedrichskoog keine Steuern. Und beschert damit den Einwohnern lukrative Geschäfte. Ställe werden zu Büros, Hofbesitzer zu Dienstleistern für Konzerne. Auch der Bürgermeister mischt mit. Ein Briefkasten allein, wie in anderen Steuerparadiesen, genügt nicht, die Finanzbehörden fordern von den Firmen eigene Büros in Norderfriedrichskoog. Die Deutsche Bank leistet sich sogar Geschäftsführer und weitere Angestellte. „Von uns ist immer einer da“, sagt Deutsche Bank-Sprecher Klaus Thoma.

1995 beklagte der Bundesrechnungshof die Zustände. Schon 1992 habe eine in Norderfriedrichskoog ansässige Gesellschaft 220 Millionen Mark Gewinn erzielt und keinen Pfennig Steuern gezahlt. Doch Gewerbesteuer ist Gemeindesache. So wird der Fiskus weiter das Nachsehen haben. Besonders in Eschborn bei Frankfurt. Dorthin hatte die Deutsche Bank 1998 die Verwaltung ihrer Beteiligungen ausgelagert. Weil die Gewerbesteuer geringer war als in der Main-Metropole. Seit Jahresanfang steht nun auch Eschborn dumm da. Millionen fehlen in der Kasse – Norderfriedrichskoog lässt grüßen. Die Top-Manager der Deutschen Bank klagen derweil weiter über die Steuerlast in Deutschland. Hinterm Deich sieht es anders aus. Norderfriedrichskoog expandiert, von einem Bankenviertel ist die Rede. Schade nur, dass sich die Deutsche Bank von ihren Beteiligungen trennen will.

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