Wirtschaft : Stilwelten zum Lümmeln und Loslassen

Das Sofa ist mehr als ein Möbelstück – Omas Chaiselongue ist heute Teil von ganzen Wohnlandschaften aus Komfort und Design

Henrik Mortsiefer

In der Sofaecke geht allabendlich die Sonne auf. Hell, freundlich und in Farbe – „diese Stoffe werden in diesem Herbst besonders nachgefragt“, sagt eine Ikea-Sprecherin. Während sich die Konjunktur weiter eintrübt und die Möbelindustrie in der schwersten Absatzkrise seit Jahrzehnten steckt, treiben es die Deutschen bei der Einrichtung ihrer Wohnzimmer immer bunter. Die schwedische Möbelkette Ikea, mit 27 Standorten in Deutschland Marktführer, bietet mehr als 50 Sofas in allen Formen und Farben an. Im ständig erweiterten Sortiment finden sich Kultnamen wie „Klippan“ (ab 199 Euro), in die sich schon Generationen von Fernsehzuschauern und Chipsessern geworfen haben.

Doch mit dem einfachen Zweisitzer ist es schon lange nicht mehr getan. Üppig ausgestattete Polsterlandschaften oder spartanische Designer-Liegen schmücken heute Eigenheime und Mietwohnungen. Von Allensbach nach den Dingen des Lebens gefragt, für die sie noch Geld ausgeben würden, antwortete mehr als die Hälfte der Deutschen: Reisen, Kleidung und „mein Haus, meine Wohnung“. Dabei greifen viele tief in die Tasche. „Unser Klassiker ,Hazienda’ kostet in einfacher Ausführung rund 4000 Euro“, sagt Nico Paech, der im Berliner Stilwerk Wohnlandschaften der Designermarke Pro Seda verkauft. Hazienda schuf bei der Markteinführung 1996 einen Trend: den Sofabaukasten (siehe Grafik). Sofa, Eckelemente, Liegen und Hocker lassen sich in verschiedenen Varianten zu Inseln, Winkeln oder klassichen Langformen kombinieren. Allein für das Pro- Seda-Modell werden 30 Meter Stoff verarbeitet. Viele Hersteller haben diese modulare Bauweise inzwischen kopiert – und auch für den Normalverdiener erschwinglich gemacht, der nicht zwischen 350 Material- und Farbvariationen wählen will.

Dabei legen die Hersteller nicht nur Wert auf gutes Aussehen. Funktionalität ist den Käufern genauso wichtig. Verstellbare Kopfstützen, abnehmbare Polster und die problemlose Verwandlung der Garnitur in ein Bett sind gefragt. „Bettsofas mit abnehmbaren Bezügen verkaufen wir gerade gut“, sagt die Ikea-Sprecherin. Rotweinflecken auf den Polstern – kein Problem. Viele Bezüge lassen sich heute einfach reinigen oder gleich komplett in die Waschmaschine stecken.

Qualität zeigt sich jedoch nicht nur in der Verpackung, sondern auch im Inneren des Sofas. Die knarzenden Sprungfedern aus Omas Chaiselongue werden heute von modernen Federkernen oder aufwändigen Schaumstoffkombinationen ersetzt, die Sitzkomfort bieten und jedem Orthopäden Freude machen. Dabei gilt nicht die Härte des Schaumstoffs als Gütekriterium, sondern das so genannte Raumgewicht, das in Kilogramm je Kubikmeter gemessen wird. „Je höher das Raumgewicht, desto haltbarer das Polster“, erklärt Alexandros Chomatopoulos, Shopleiter im Berliner Rolf Benz Haus. Rolf Benz treibt dabei besonderen Aufwand. Bis zu sieben Schaumstoffe und eine zusätzliche Dämpfung per Stahlwelle oder Federkern werden verarbeitet. Das hat seinen Preis. Das Spitzenmodell, ein Dreisitzer mit allen Schikanen, kostet 7877 Euro. Doch Chomatopoulos beruhigt: Wer unbedingt ein „Statussymbol“ von Rolf Benz besitzen will, kann auch ein Einsteigersofa für 965 Euro haben. „Und das sieht auch nicht aus wie eine dieser Sitzmaschinen.“

Ob in den Möbelpalästen der Discounter oder bei teuren Einrichtern: „Gutes Wohndesign wird immer versuchen, unsere rationalen Ansprüche und zugleich emotionale Sehnsüchte zu bedienen“, philosophiert das Hamburger Trendbüro in der Studie „Wie schön wohnt die Zukunft?“. Die Zeitgeist-Forscher haben Erstaunliches zu Tage gefördert. Statt sich abends ins Sofa fallen zu lassen, um vor dem Fernseher oder mit einem Buch zu entspannen,, tun wir in unseren Wohnzimmern nach Erkenntnissen des Trendbüros etwas anderes: Wir versinken in „Stilwelten zum Lümmeln, Lieben, Landen und Loslassen“.

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