Wirtschaft : Stimmung machen

Welche Faktoren den US-Wahlkampf traditionell entscheiden – und welcher Kandidat davon profitiert

Albert R. Hunt

Es gibt Präsidentschaftswahlen mit knappem Ausgang und solche mit weniger knappem Ausgang. Eine Feststellung, die weniger dämlich ist, als sie zunächst klingt, blickt man einmal auf die letzten elf US-Präsidentschaftswahlen zurück. Bei vier davon – 1960, 1968, 1976 und 2000 – war der Ausgang extrem knapp; bei fünf weiteren war die Sache eindeutig; und nur in zwei Fällen – 1988 und 1992 – war der Ausgang weder ganz offen noch ganz klar. Noch sind es sechs Wochen bis zu den Wahlen am 2. November, doch die politischen Strategen beider Parteien gehen schon jetzt davon aus, dass es ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Kandidaten werden wird. Umso mehr hängt der Ausgang der Wahlen von einzelnen Ereignissen in den kommenden Wochen ab. Dazu gehören unter anderem die Stimmabgabe in Ohio und das amerikanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal.

Fernseh-Duell: Seit 1976 haben oft die Fernsehduelle der Kandidaten den Ausgang der Wahlen mitbestimmt. Bei den Rededuellen geht es nicht um Inhalte, sondern um das Auftreten und mögliche Fauxpas der Politiker. Präsident George W. Bush und sein demokratischer Herausforderer John Kerry treffen zwei oder drei Mal aufeinander. Trotz des großen Brimboriums im Vorfeld werden die Fernsehduelle diesmal den Wahlausgang nicht so sehr beeinflussen.

Ohio: Wenn Bush oder Kerry im Bundesstaat Ohio siegen, werden sie auch in ganz Amerika die Mehrheit erlangen. Es wäre überraschend, träfe diese Regel dieses Mal nicht zu. Die Republikaner haben noch nie die Wahlen ohne den nordöstlichen Bundesstaat gewonnen. Deswegen bauen beide Parteien bei ihren unterschiedlichen Szenarien für das Wahlmännergremium (Electoral College) auf Ohio. Amerikaner wählen den Präsidenten und Vizepräsidenten nicht direkt, sondern indirekt über so genannte Wahlmänner (Electors). Bei den letzten Wahlen im Jahr 2000 siegte Bush in Ohio. Wegen der wahlstrategischen Bedeutung von Ohio waren Präsident Bush und Senator John Kerry insgesamt schon mehr als 25 Tage dort. Und die gleiche Zeit werden sie bis zum 2. November noch einmal dort verbringen. In Ohio gilt es, besonders Stimmung zu machen.

Überraschungs-Coup im Oktober: Einige Amerikaner rechnen damit, dass die regierende Partei in letzter Minute mit einer Überraschung aufwartet, um den Wahlausgang in ihrem Sinne zu beeinflussen. Obwohl es noch nie dazu gekommen ist, werden bei jeden Wahlen diese Spekulationen angestellt. Normalerweise wird dieser Überraschungs-Coup in der internationalen Politik erwartet. Dieses Jahr spekulieren Amerikaner, dass die Regierung kurz vor den Wahlen Osama bin Laden gefangen nimmt oder tötet. Manch ein Demokrat witzelte schon zynisch, Bush habe bin Laden bereits gefangen und werde ihn am 20. Oktober der Öffentlichkeit präsentieren. Ein anderes internationales Ereignis, das die Stimmabgabe beeinflussen würde, wäre ein weiterer Anschlag der Terrororganisation Al Quaida. Der würde Präsident Bush bei den Wahlen nutzen, meinen politische Strategen. Eine große Gewalteskalation im Irak würde ihm hingegen schaden – und Kerry Stimmen bringen.

Wirtschaftsdaten: Normalerweise wird am Freitag vor den Präsidentschaftswahlen der jüngste Arbeitslosenbericht veröffentlicht – und beide politische Lager warten begierig darauf. In diesem Jahr aber ist es anders. Der Arbeitslosenbericht, der immer am ersten Freitag des Monats die Arbeitslosenzahlen des Vormonates bringt, erscheint erst zwei Tage nach den US-Präsidentschaftswahlen. Dafür werden die Amerikaner wahrscheinlich auf das jüngste US-Wirtschaftswachstum schauen. Am 30. Oktober kommt das BIP für das dritte Quartal heraus. Politisch und psychologisch wird entscheidend sein, ob es besser oder schlechter als das BIP für das zweite Quartal ausfällt. Im zweiten Quartal ist das BIP um 4,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.

Rhetorik: In den USA gibt es eine große Kluft zwischen Politikern mit Moral und Integrität und denen ohne. Das hat nichts mit der Partei oder Weltanschauung zu tun. Es ist einfach so, dass Kandidaten, die im Wahlkampf vorne liegen, sich den Luxus eines staatsmännischen Auftretens leisten können – und die hinten liegen eben nicht. Wenn also auf der Zielgeraden entweder Kerry oder Bush immer lautstarker behaupten, der amerikanische Traum werde sich auflösen, wenn der Gegner gewählt werde, heißt das nichts anderes, als dass der betreffende Politiker in den Umfragen zurückliegt. Wenn einer der beiden Kandidaten die Wahlmänner „wankelmütig“ nennt und sagt „die Geschichte wird darüber urteilen, was wir gesagt und getan haben“, lautet die Übersetzung: Der Politiker liegt in der Wählergunst hinten. Der in Umfragen führende Kandidat kann sich in den letzten Tagen vor den Wahlen hingegen bequem zurücklehnen – und sollte es sogar, wie Clintons Wahlkampfleiter James Carville empfiehlt. „Sag so verdammt wenig wie möglich“, rät er dem Kandidaten, der vorne liegt. Carville leitete erfolgreich Clintons Wahlkampf im Jahr 1992.

Präsidentschaftswahlen 2008: Ein Politiker, vor allem einer mit Präsidentschafts-Ambitionen, kann nie früh genug anfangen. Der Wahlausgang wird also in beiden Parteien Ambitionen auf die nächsten Präsidentschaftswahlen schüren. Verliert Bush die Wahlen, nutzt das in vier Jahren seinem Bruder Jeb Bush, dem Gouverneur von Florida. Gewinnt Bush, profitiert davon der republikanische Mehrheitsführer im Senat, Bill Frist, der sich in den kommenden Jahren als sein großer Verbündeter aufspielen kann. Weniger bedeutungsvoll ist das Wahlergebnis für John McCain, der am Anfang selbst ein Anwärter auf das Präsidentschaftsamt gewesen war. Der republikanische Senator will in erster Linie, dass er in der Öffentlichkeit als Unterstützer von Bush wahrgenommen wird, auch wenn beide Politiker kein gutes Verhältnis zueinander haben. Noch stärker wird der Wahlausgang die Machtverhältnisse bei den Demokraten beeinflussen. Gewinnt Kerry, wird er aller Voraussicht nach auch bei den nächsten Wahlen wieder antreten. Verliert er, werden sich alle Augen nach New York, auf Clinton richten – auf Hillary Clinton. Aber da ist auch noch Kerrys Vize John Edwards, der nicht unterschätzt werden sollte. Und falls Kerry knapp verliert, Edwards aber einen guten Job gemacht hat, wird er gleich am 3.November anfangen, sich für die Präsidentschaftswahlen 2008 zu rüsten.

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