Wirtschaft : Stimmung so gut wie zuletzt vor fünf Jahren Ifo-Index deutet auf Erholung der Konjunktur hin

Anselm Waldermann

Berlin - Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich überraschend deutlich verbessert. So ist der Ifo-Geschäftsklimaindex im Monat Oktober von 96 auf 98,7 Punkte gestiegen – das ist der höchste Wert seit fünf Jahren. „Die konjunkturelle Erholung scheint sich zu festigen“, sagte der Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Der Index fasst die Einschätzungen von 7000 Unternehmen zusammen. Er gilt als wichtigster Frühindikator für die deutsche Wirtschaft.

Auch der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) zeigte sich optimistisch. „Die Stimmung klärt sich auf“, sagte Verbandspräsident Jürgen Thumann bei der Veröffentlichung des BDI-Konjunkturreports. Bis Ende 2006 ist demnach mit einer leichten Konjunkturerholung zu rechnen. Im kommenden Jahr erwartet der BDI ein gesamtwirtschaftliches Wachstum von 1,5 Prozent nach 0,8 Prozent in diesem Jahr.

Vor allem bei den Exporten ist die Industrie laut BDI weiter optimistisch. Nach einer Branchenumfrage rechnet der Verband für 2006 mit einem Wachstum der Ausfuhren um fünf Prozent. Aber auch die Binnennachfrage werde leicht anziehen. Ein nachhaltiger Investitionsaufschwung sei allerdings fraglich, sagte Thumann. Er forderte Union und SPD auf, bald eine Reform der Unternehmensteuer anzuschieben.

Auch das Ifo-Institut erklärte, dass sich die Exportaussichten verbessert hätten. Daneben profitierten die Unternehmen zunehmend von einer stärkeren heimischen Nachfrage. So entwickelte sich der Ifo-Index für Dienstleistungen besonders günstig und kletterte von 9,5 auf 11,0 Punkte. Insgesamt stuften die Unternehmen sowohl ihre aktuelle Lage als auch die Perspektiven für die nächsten sechs Jahre günstiger ein. Ifo-Chefvolkswirt Gernot Nerb erklärte deshalb, der Anstieg sei „keine Eintagsfliege“.

Analysten sprachen von „fantastischen Zahlen“ und einem „ermutigenden Signal“. Ob im kommenden Jahr ein Aufschwung einsetzt, blieb aber umstritten. Der deutsche Aktienmarkt konnte von den guten Vorgaben nicht profitieren. So lag der Dax am Dienstagnachmittag bei 4895 Punkten leicht im Minus. Dem Euro hingegen gab der Ifo-Index Auftrieb: Er kostete 1,2020 Dollar, nachdem der Schlusskurs am Vortag bei 1,1980 Dollar gelegen hatte.

Die Politik folgte bei der Interpretation des Ifo-Index bereits den künftigen Koalitionsgrenzen. So sprach der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Ronald Pofalla (CDU), erstmals von einem „Hoffnungsschimmer“. Vor der Bundestagswahl hatte die Union den Ifo-Index meist als Beleg für die schlechte Wirtschaftslage in Deutschland gewertet. Der stellvertretende Vorsitzende der FDP- Fraktion, Rainer Brüderle, warnte die künftige Regierung hingegen, das „Hoffnungspflänzchen“ nicht durch Steuererhöhungen „platt zu wälzen“.

Besonders optimistisch zeigte sich der scheidende Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD). Nach Bekanntwerden des Ifo-Indexes erklärte er, dass die jüngste Wachstumsprognose der Bundesregierung für 2006 nun sogar übertroffen werden könnte. Erst in der vergangenen Woche hatte die Regierung ihre Wachstumsprognose für das kommende Jahr auf 1,2 Prozent gesenkt.

Für die Wirtschaft in Berlin ist der Ifo-Index nicht eins zu eins übertragbar. „Generell wird die Industrie bundesweit besser bewertet als in Berlin“, sagte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) dem Tagesspiegel. Auch sei der Einzelhandel in der Hauptstadt noch zu schwach, um von einer spürbaren Besserung der Binnenwirtschaft zu sprechen. Optimistischer zeigte sich hingegen die Industrie- und Handelskammer (IHK): „Auch in Berlin wird die Binnenwirtschaft wieder an Kraft gewinnen“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK, Ludger Hinsen. „Die Stimmung hat sich eindeutig gebessert.“ Daneben verlaufe auch das Exportwachstum in Berlin positiv.

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