Wirtschaft : Stimmungswandel jenseits des Atlantiks

ROBERT RIMSCHA

Die USA hoffen auf einen starken Euro / Doch die Skepsis bleibtVON ROBERT VON RIMSCHA WASHINGTON.Amerikas Einstellung zum Euro hat sich merklich geändert."Vor drei Jahren sagte jeder: Was für ein Schwachsinn.Vor zwei Jahren meinten alle: Ist zwar eine Schnapsidee, kommt aber ja wohl nicht.Vor einem Jahr war zu hören: Der kommt wohl tatsächlich, wird aber schwach.Jetzt sagen die meisten: Der Euro kommt, das ist gut, und er wird stark." So beurteilte kürzlich, bei seiner letzten USA-Reise als Abgeordneter, Otto Graf Lambsdorff den Stimmungswandel jenseits des Atlantiks.Das politische Washington tat sich lange schwer mit dem Euro.Erst hielt man ihn für einen schlechten Witz, ein typisches Hirngespinst, mit dem Helmut Kohl davon ablenken wollte, daß Deutschland nach der Vereinigung stärker war als zuvor.Chancen gab man dem Projekt kaum.Das hat sich geändert.Offiziell schweigt die Regierung noch immer.Der zuständige Staatssekretär im Außenministerium, Alan Larson, will jede Einmischung vermeiden und sagt lediglich, man sei stets für europäische Integration, habe aber zum Euro keine dezidierte Meinung.Wenn aber deutsche Politiker nach Washington reisen, dann ist der Euro das Top-Thema.Die SPD-Finanzpolitikerin Ingrid Matthäus-Maier bewertete vor genau einem Jahr die Stimmung noch kritisch.Auf "Desinteresse oder Skepsis" sei sie bei ihrem Besuch Anfang 1997 gestoßen.Vergangene Woche war sie erneut in den USA."Der Euro wird stark" - so faßte sie die Äußerungen ihrer Gesprächspartner zusammen.Skepsis zeigt weiter die Geschäftswelt.Marino Marcich ist der Direktor für internationale Investitionen beim "Nationalen Verband der Produzierenden Industrie", der mit 14 000 Mitglieds-Unternehmen rund 85 Prozent der US-Industrie vertritt.Er gesteht zwar ein, daß er sich irrte, als er lange Zeit eine Verschiebung des Euro prognostizierte.Er fürchtet aber nach wie vor um die Stabilität der Einheitswährung.Kräftigere Worte fand in der "New York Times" Jacob Heilbrunn."Europa läßt sich auf Falschgeld ein", schrieb der Kommentator und sagte voraus, statt der nötigen "Thatcherisierung" Europas werde es einen schwachen Euro und daher noch mehr Nachfrage nach dem Dollar geben.Unter Ökonomen in den USA ist dies eine Dauerdebatte: Der Euro wird zwar als das wichtigste Wirtschaftsthema in Europa gesehen, doch die Kernfrage bleibt, wie von der "Times" formuliert: "Lenkt der Euro davon ab, daß Europa grundlegende wirtschaftliche Strukturreformen braucht?" Erschreckt blickt Amerika nach Frankreich oder Deutschland, wenn dort Arbeitszeitverkürzung als Lösung für die Beschäftigungskrise propagiert wird.Der Druck der Euro-Kriterien wird in den USA weithin als dringend notwendiger Impuls für längst überfällige Reformschritte gesehen - aber gleichzeitig auch als Sündenbock, falls sich die Sparpolitik bei den Wählern nicht mehr verkaufen läßt.Und der soziale Druck, so sieht es Amerika, wächst in Europa.Dies könnte den Euro schwächen.Amerika macht das Schicksal des Euro indes noch von einem anderen, von einem politischen Schicksal abhängig: dem Helmut Kohls.Ohne Kohl wird es für den Euro wesentlich schwieriger, spekuliert die "New York Times".Andere betonen, daß die Währung kräftig genug verankert ist, um einen möglichen deutschen Regierungswechsel Ende September zu überleben.Die Generallinie des Mittelstands faßt Stephen Canner vom "US Council for International Business" zusammen: "Die Geschäftswelt ist für den Euro.Die Kosten für alle Transaktionen über den Atlantik gehen zurück." Pragmatischen Überlegungen wie diesen stehen die Vorstellungen der Wirtschaftsforschungsinstitute gegenüber.Hier wird zögernd eingestanden, daß die finanzielle Belastung durch die Asien-Krise nicht wie einst in Mexiko von den USA allein geschultert werden kann.Ein einiges Europa mit harter Währung böte sich als einfacherer Partner an als ein Dutzend nationalstaatliche Regierungen mit jeweils autonomen Notenbanken.Die Großfinanz der Wall Street schließlich tippt überwiegend auf eine Übergangszeit von fünf bis zehn Jahren, innerhalb derer sich der Euro als zweite Reservewährung neben dem Dollar etabliert haben wird.In Manhattan wie in Washington ist ein Interesse klar: Amerika will einen stabilen Euro.Ein US-Kommentator bewertete die Einführung des Euro jüngst als das "ehrgeizigste europäische Projekt seit der bolschewistischen Revolution".Für amerikanische Spekulanten werde es ausreichend Gelegenheit geben, dabei reich zu werden.Daß sich da etwas Entscheidendes tut, merken mehr und mehr Amerikaner.Ein europäischer Außenpolitiker, der sich gerade in Washington umgehört hat, meinte danach: "Der Euro stellt eine maßgebliche Veränderung jener Perspektive dar, die Amerika von der europäischen Einigung hat."

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