Wirtschaft : Stolz und Vorurteil

Fachhochschule oder Uni? Der Unterschied ist gar nicht mehr so groß.

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Ein glanzvoller Abschluss. Habilitieren an der Fachhochschule, das soll bald möglich sein. Die Hertie School of Governance in Berlin hat jüngst das Promotionsrecht bekommen. Die Grenzen zwischen den Instituten verschwimmen. Foto: ddp
Ein glanzvoller Abschluss. Habilitieren an der Fachhochschule, das soll bald möglich sein. Die Hertie School of Governance...Foto: ddp

Fachhochschüler sind weniger intellektuell, lernen aber praxisorientierter. Studenten an Universitäten verbummeln gern die Semester, verdienen dafür später mehr. Lange Zeit waren das die gängigen Vorurteile. Aber wie ist das heute, zehn Jahre nach der Bologna-Reform? Traditionelle Abschlüsse wie Diplom und Magister wurden zu Bachelor und Master. Und den Bachelor- oder Master-Abschluss können Studierende hierzulande sowohl an einer Fachhochschule oder an einer Universität machen. 2,38 Millionen Studierende sind im Wintersemester 2011/2012 an deutschen Hochschulen gezählt worden – so viele wie noch nie. Hochschule, der Begriff beinhaltet Universitäten und Fachhochschulen (FH) gleichermaßen. Seit Bologna werden die Abschlüsse angeglichen – und auch die Institutionen werden ähnlicher. Was sind überhaupt die Unterschiede?

Im Zuge der Bologna-Reform haben sich die meisten Fachhochschulen in Hochschulen umbenannt, wohl auch zu Marketing-Zwecken (siehe Kasten). Eine verschulte Lehranstalt zu sein, dieses Image möchte man abschütteln. Die Universität, das war lange Zeit der große Bruder. Der, der alles besser wusste, weil er mehr forschte, mehr in die Tiefe ging. Das sagt auch Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK): „Im Gegensatz zu den Fachhochschulen bieten Universitäten Studiengänge an, die die ganze Bandbreite wissenschaftlicher Disziplinen umfassen, von A wie Afrikanistik bis Z wie Zahnmedizin. Von den Fachhochschulen unterscheidet sie auch der stärkere Forschungsbezug, der sowohl erkenntnis- als auch anwendungsorientiert ist.“ Dies komme nicht zuletzt darin zum Ausdruck, dass das Promotionsrecht den Universitäten vorbehalten sei.

Bis jetzt. Kürzlich hat Bildungsministerin Annette Schavan Fachhochschulen das Promotionsrecht in Aussicht gestellt. „Es soll künftig möglich sein, den Doktortitel tatsächlich auch an einer Fachhochschule zu erwerben“, kündigte sie an. Anfangs solle das allerdings nur für Fachhochschulen gelten, die mit Universitäten kooperieren.

Jüngst hat die Hertie School of Governance das Promotionsrecht durch das Land Berlin erhalten. Der Berliner Senat folgt damit der Empfehlung des Wissenschaftsrates vom 14. November 2011, der nach einem gut einjährigen Akkreditierungsverfahren positiv über den Antrag der Hertie School entschieden hatte. Die Hertie School ist damit die zweite deutsche Hochschule, die dieses neue qualitätsgesicherte Verfahren der Promotionsrechtsverleihung erfolgreich durchlaufen hat.

Peter Altvater vom Hochschulinformationssystem (HIS) begrüßt Schavans Pläne: „Die Universitäten führen einen verzweifelten Kampf darum, das alleinige Promotionsrecht zu behalten. Ausgehend von der Bologna-Reform läuft aber alles auf eine Konvergenz des Hochschulsystems hinaus.“ So ist mit Bologna ein Wechsel von einer Institution in die andere möglich. Heißt: Wer einen Bachelor an einer Fachhochschule gemacht hat, kann danach an eine Universität gehen und dort ein Masterstudium beginnen. Jeder fünfte Student wechselt nach dem Bachelor von der FH an die Uni. Doch Hans Gerber, erster Vizepräsident der Beuth Hochschule für Technik in Berlin, sagt: „In Deutschland ist ein Wechsel von einer Fachhochschule auf eine Universität oft schwieriger als im Ausland.“

Kristin Ebenau hat es trotzdem gewagt – und auch geschafft: Ihren Bachelor hat die 26-Jährige an der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhemshaven gemacht. Danach entschied sie sich für ein Master-Studium an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. „Nach dem Bachelor habe ich mich noch nicht reif für den Arbeitsmarkt gefühlt. Ich wollte noch weiter dazulernen, mein Wissen vertiefen“, sagt sie. Sie habe sich bewusst für den Master an einer Universität entschieden, das wissenschaftliche Arbeiten sei ihr wichtig gewesen. Dass Studierende an einer Fachhochschule mehr Praxiserfahrungen sammelten, kann sie nicht bestätigen: „Das Studium an der Uni war sehr praxisnah, wir hatten viele Referenten aus der Wirtschaft.“

Den Master direkt an das Bachelorstudium anzuschließen, damit steht Ebenau nicht alleine da. Zahlen des Bildungsministeriums zufolge wollen 54 Prozent der FH-Absolventen den Master machen, an den Unis sind es 77 Prozent, in Fächern wie Physik oder Chemie sogar 100 Prozent.

Trotz der Annäherung – einige Unterschiede bestehen bis heute. Ursprünglich waren Fachhochschulen als Lehranstalten gedacht, inzwischen ist ihnen auch Forschung zugewiesen. Die Finanzierung ist jedoch nicht angepasst worden. FHs bekommen kein Geld für die Grundausstattung, sie müssen sich mit Drittmitteln finanzieren. Auch die Besoldungsstruktur der Professoren ist unterschiedlich, wer an einer Universität lehrt, bekommen nach wie vor mehr Gehalt

Noch immer gibt es bestimmte Studiengänge, die nur an Universitäten angeboten werden, Jura oder Medizin etwa. Doch auch hier weichen die Grenzen allmählich auf, es gibt Wirtschaftshochschulen wie etwa die Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin (HWR). Dort kann man Recht und Rechtsmanagement studieren, ein Volljurist wird man an der HWR jedoch nicht. Sprach- und Kulturwissenschaften wie beispielsweise Anglistik oder Geschichte können nur an Universitäten studiert werden, desweiteren Lehramtsstudiengänge. Allerdings gibt es Überlegungen, das Studium zum Grundschullehramt auch an Fachhochschulen anzubieten.

Hebt sich der Unterschied durch die Bachelor- und Masterabschlüsse also allmählich auf? Ganz sicher nicht, sagt HRK-Präsident Horst Hippler: „Die Tatsache, dass die Fachhochschulen eine spezifische Fächerpalette anbieten, bleibt von der Einführung der gestuften Abschlüsse unberührt. Insbesondere bleibt der unterschiedliche Auftrag an die verschiedenen Hochschultypen – starker Anwendungsbezug einerseits, starker Forschungs- und Theoriebezug andererseits – bestehen.“

In Berlin gibt es neben den großen Universitäten, der Humboldt-Universität und der Freien Universität, auch viele Hochschulen, darunter die Beuth Hochschule für Technik. Auch wenn der Wechsel von eine Universität noch immer schwierig sei, hat Hans Gerber, erster Vizepräsident der Beuth Hochschule, Hoffnung. Es gebe viele Kooperationen mit der HU und TU. „Ich merke, dass sich da was bewegt, bewegen kann und beidseitig auch etwas bewegt werden will“.

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