Wirtschaft : Strahlende Zukunft

Der hohe Ölpreis und das Bemühen, Treibhausgase zu reduzieren, lassen die Nachfrage nach Uran steigen

Patrick Barta[Olympic Dam]

Vom schwarzen Gold redet in Australien niemand. Die wirklich heiße Ware in diesem Teil der Welt nennen alle nur „yellowcake“. Gemeint ist radioaktives Urankonzentrat, dessen Bedeutung auf dem weltweiten Energiemarkt lange Zeit unterschätzt wurde. Die USA und Russland hatten infolge der Reduzierung ihrer nuklearen Sprengköpfe nach dem Ende des Kalten Krieges mehr Uran, als sie verbrauchen konnten. Auch Atomkraftwerke waren wegen der Angst vor Unfällen in vielen Ländern in Verruf geraten. Jetzt haben der hohe Ölpreis und der Drang zur Senkung der Emission von Treibhausgasen das Interesse an der Atomenergie wieder belebt: US-Präsident Bush will seine Energiepolitik mit dem Bau neuer Atomkraftwerke verwirklichen. Auch in Asien sucht man nach Alternativen zu fossilen Brennstoffen. Indessen sorgen schwindende Uranvorräte für den größten Nachfrageboom seit dem Ende des Wettrüstens zwischen den USA und der Sowjetunion.

Der Preis für Uran ist seit dem Jahr 2000 auf umgerechnet 16 Euro pro Pfund gestiegen und hat sich damit mehr als verdoppelt. Bis zu 30 Abbauunternehmen durchsuchen die Welt derzeit nach dem gefragten Erz. Anfang vergangenen Jahres waren es nur ein halbes Dutzend. Die australische Gesellschaft Paladin Resources Ltd. ist eines davon. Seit der Erschließung einer Urangrube in Afrika hat sich der Aktienkurs des Unternehmens mehr als verzehnfacht. Uran steht auch im Mittelpunkt der derzeit heißesten Übernahmeschlacht der Minenbranche: Die letzte der rein australischen Minengesellschaften, WMC Resources, hat Zugriff auf 40 Prozent der weltweiten Uranvorkommen. Die liegen tief im australischen Outback vergraben, darunter im Abbaugebiet Olympic Dam, 600 Kilometer nördlich von Adelaide. Gerade hat der weltgrößte Minenkonzern, die britisch-australische BHP Billiton PLC, 7,3 Milliarden Dollar (5,5 Milliarden Euro) für den Kauf von WMC geboten und damit das 800-Millionen-Dollar-Angebot der Schweizer Xstrata PLC weit übertroffen.

WMC betreibt in Olympic Dam eine der größten Uranminen der Welt: Unter einer kleinen Stadt aus Metallrohren, Fässern und Trucks ziehen sich Schächte von 200 Kilometern Länge. Die Bergleute arbeiten Zwölf-Stunden-Schichten und sprengen sich durch unterirdische Wände, um Erze wie Uran, Kupfer, Silber und Gold freizulegen. Wegen der weltweit strengen Sicherheitsvorschriften im Umgang mit Uran werden Besucher durch mehrere Kontrollen geschleust. Und weil auch das nicht angereicherte Uran etwas Radioaktivität abstrahlt, müssen sie wegen möglichen Uranstaubs in der Luft außerdem Atemgeräte tragen. An der Oberfläche wird das Erz mit Chemikalien behandelt, um es von den Mineralien zu trennen. Mit Hilfe von Ammoniak verdünnt man das Uran zu einer schlammigen Masse, die danach zu einem Pulver getrocknet und in einem Metallfass versiegelt wird. Damit das Material nicht für den Bau von Atomwaffen verwendet wird, wird der Transportweg der Fässer durchgehend verfolgt und dokumentiert.

BHP Billiton, die bereits beträchtliche Öl- und Erdgasfelder besitzt, will durch den Kauf von WMC und Uranvorräten ihre Stellung auf dem Energiemarkt ausbauen. Doch die Rechnung ist gewagt: Angebot und Nachfrage von Uran zu kalkulieren, ist derzeit die wohl schwierigste Aufgabe im globalen Rohstoffgeschäft. Deshalb ist kaum absehbar, wie wertvoll die Uranreserven der Welt, darunter die von WMC, wirklich sind. Für die Optimisten der Branche wird die Uranversorgung bereits knapp. Sie warnen vor Zuständen wie auf dem Erdölmarkt. Im Klartext: Unerwartete Lieferausfälle könnten plötzliche und empfindliche Preissteigerungen für die Kernkraftwerke auslösen – und letztlich für die Verbraucher. Wenn nicht bald neue Uranvorkommen erschlossen werden, wird es „einen echten Engpass“ geben, prophezeit Craig Campbell, ein Analyst bei Morgan Stanley in Australien.

Doch nicht alle teilen diese Prognose. Kritiker meinen, dass sich derzeit nicht absehen lasse, wie viele Kernkraftwerke es in Zukunft überhaupt geben wird. Schließlich wird Kernenergie in vielen Ländern immer noch abgelehnt. Vor allem aber halten die Staaten die Zahlen über ihre Uranreserven unter Verschluss. Damit ist völlig unklar, wie viel Uran sich noch in den Lagern befindet. „Es wird jede Menge spekulativer Unsinn in der Uranindustrie geredet“, sagt Steve Kidd, Forschungsdirektor bei der World Nuclear Association, dem weltweiten Dachverband der Kernenergieindustrie in London. „Wer heute behauptet, er kenne das Ausmaß der Vorräte, sagt nicht die Wahrheit.“

Die weltweit 441 Kernkraftwerke, darunter 104 in den USA, verbrauchen jährlich 66000 Tonnen Uran. Aktuell beziehen die Kraftwerke rund 55 Prozent ihres Bedarfs von den Urangruben, die hauptsächlich in Kanada und Australien liegen. Der übrige Teil der Uranversorgung kommt aus den Beständen der Energiekonzerne und aus anderen Quellen, darunter von ausrangierten Atomraketen. Laut dem Uran-Informationszentrum in Melbourne leuchtet in den USA jede zehnte Glühlampe mit der Energie von ehemaligem russischen Waffen-Uran, das unter internationalen Abkommen geliefert wird. So regelt etwa ein Vertrag von 1993 unter anderem die Lieferung von 500 Tonnen waffenfähigen Urans für die Nutzung in US-Kernreaktoren. Doch es mag daneben noch weitere Vorräte geben, und einige Analysten befürchten, dass künftige Abkommen unerwartete Uranbestände auf den Markt bringen könnten.

WMC jedenfalls glaubt an das Wachstum des Marktes: Im März hat das Unternehmen angekündigt, 71 Millionen Dollar zu investieren, um nach weiteren Vorkommen zu bohren. Damit will man neue Uran- und Kupferreserven im Wert von vier Milliarden Dollar erschließen. Der Plan würde Olympic Dam bis zum Jahr 2010 mit jährlich 15000 Tonnen geförderten Urans zur weltgrößten Mine ihrer Art machen.

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