Strategien für den Beruf : Von den Löwen lernen

Die Großkatzen leben im Rudel zusammen und benötigen nur vier Stunden des Tages für ihren „Job“. Wer sich an ihnen orientiert, kann seinen Arbeitsalltag verbessern – zum Beispiel, wenn es um Kommunikation geht.

Martina Haas
Gut eingespieltes Team. Löwen jagen im Rudel und verständigen sich dabei durch Köpersprache. Blicke genügen, um Rudelmitgliedern Grenzen zu zeigen. Sie seien „Meister des Schweigens“, sagt unsere Autorin.
Gut eingespieltes Team. Löwen jagen im Rudel und verständigen sich dabei durch Köpersprache. Blicke genügen, um Rudelmitgliedern...Foto: picture-alliance/ dpa

Löwen sind die einzigen Großkatzen, die im Rudel zusammenleben. Alle anderen großen Katzen sind Einzelgänger. Dieser Riesenunterschied erlaubt nicht nur, eine Parallele von den Löwen zu uns Menschen zu ziehen, sondern drängt sie förmlich auf. Das wirklich Spannende am Zusammenleben im Rudel ist dessen Auswirkung auf das Leben des einzelnen Tieres: Löwen benötigen nur vier der 24 Stunden des Tages für ihren Job, also gerade einmal ein Sechstel der Tages! Und wie schaut es bei uns aus? Viele Menschen haben Achtstundentage, die Workaholics legen noch eine Schippe drauf und kommen auf zwölf bis 14, am Wochenende immerhin noch auf vier oder fünf Stunden. Irgendetwas scheinen wir Menschen falsch zu machen. Lasst uns also von den Löwen lernen.

Wer nun Zeitmanagement-Tipps erhofft, der sei an ebensolche Experten verwiesen. Es geht mir um viel mehr: Welche Haltung gepaart mit welchen Fähigkeiten führt uns Menschen – dem Löwen gleich – zu hoher Effizienz und Effektivität, die enorme Freiräume schafft für neue Themen und Projekte.

Die Löwen-Strategie schafft insbesondere Bewusstsein für Aspekte, die wir häufig nicht primär im Blick haben. Wenn wir nicht wissen, dass wir einen blinden Fleck haben, können wir nicht an ihm arbeiten. Anders formuliert: Wir müssen verhindern, dass uns Wesentliches entgeht, weil wir Chancen vor unserer Haustür nicht erkennen und Stärken nicht konsequent einsetzen, weil wir gelernt haben, bevorzugt an unseren Schwächen herumzudoktern, anstatt uns auf unsere Stärken und das Erlernen neuer Kompetenzen zu konzentrieren.

Kommunikation ist ein schwieriges Unterfangen

Als Expertin für Networking und Kommunikation ist mir seit Langem bewusst, dass Kommunikation eines der schwierigsten Unterfangen ist. Das gilt für alle Bereiche: intern in Unternehmen und Organisationen mit Vorgesetzten, Mitarbeitern und Kollegen, extern mit Kunden, Dienstleistern, Kooperationspartnern, der Presse und der sonstigen Öffentlichkeit und nicht zuletzt auch privat. Dabei kommunizieren wir andauernd: Wir verschicken E-Mails an alle, dröhnen die Welt mit Newslettern, Postings, Tweets, mit Fotos und Selfies und neuerdings auch mit selbst gedrehten Videos zu. WhatsApp nicht zu vergessen, den üblichen Werbespam auch nicht. Das alles geschieht bei manchen im gefühlten Minutentakt.

Kommunikation ist die Basis all unserer Aktivitäten. Ohne Kommunikation ist alles nichts, und doch läuft dabei so vieles schief – unnötigerweise. Das ist nicht nur lästig und anstrengend, sondern auch teuer. Unserer Volkswirtschaft und auch unserer Gesellschaft entsteht jährlich ein Milliardenschaden durch schiefgelaufene oder nicht erfolgte Kommunikation. Das macht professionelle Kommunikation zu dem Erfolgsfaktor schlechthin.Essenz: Wir brauchen in Unternehmen und Organisationen mehr Fokus, Effektivität und Effizienz bei der internen und externen Kommunikation. Daher habe ich die Kommunikationskompetenz allen anderen Kompetenzen vorangestellt.

Löwen kommunizieren unmissverständlicher als wir: Sie verfügen in Wohlfühlsituationen über die Fähigkeit, hingebungsvoll zu schnurren, bei Gefahr aber auch über beeindruckende Stimmorgane zum Brüllen. Das bis zu fünf Kilometer weit zu hörende Brüllen ist eine klare Botschaft an andere Rudel oder herumstreifende Löwenjunggesellen: Das ist mein Territorium. Bleib weg, ich werde mein Rudel verteidigen. Zusätzlich wird das Revier mit Duftnoten markiert und mit Patrouillen gesichert. Wer sich dennoch heranwagt, dem werden sprichwörtlich die Zähne gezeigt – die Fangzähne sind übrigens sechs Zentimeter lang. Nützt das nichts, wird gekämpft. Die Kämpfe der Männchen enden, wenn nicht mit dem Tod, dann doch mit Unterwerfungsgesten der Verlierer oder rascher Flucht, was letztlich dasselbe ist. Das sind eindeutige Botschaften an die Welt. Neben dem Brüllen gibt es Variationen von Knurren, die in ihren Schattierungen ebenso eindeutig sind: Sie reichen von: „Hey, lass mal“ bis zur letzten Warnung: „Stopp, bis hierher und nicht weiter.“ Darüber hinaus wird körpersprachlich agiert. Aktion zieht bei den Löwen stets unmittelbar Reaktion nach sich. Löwen verlieren keine Zeit. Sie können es sich auch nicht leisten. Bei ihnen dreht sich letztlich alles um das Überleben des Rudels.

Löwen sind Meister des Schweigens

Löwen-Kommunikation ist klar. Das können wir von ihnen lernen. Löwen sind zudem Meister des Schweigens. Darin gleichen sie Philosophen. Wenn sie ruhen, genießen sie ihre Erfolge und denken über die nächsten Schritte nach. Das ist äußerst klug und strategisch. Löwen haben es nicht in der Hand, ob Herden von Gnus oder Antilopen zum richtigen Zeitpunkt ihren Weg kreuzen. Also müssen sie zweigleisig fahren: auf die Pirsch gehen und die Dinge teilweise auf sich zukommen lassen. Die Kunst besteht darin, für alles einen Plan B zu haben.

Auch in der nonverbalen Kommunikation sind Löwen stark. Blicke genügen, um andere Tiere zu verjagen oder Rudelmitgliedern Grenzen aufzuzeigen. Bloßer Blickkontakt reicht zur Verständigung untereinander bei der Jagd. Das funktioniert nur deshalb so gut, weil das Team eingespielt ist.

Das größte Kommunikationsproblem überhaupt besteht darin, dass wir nicht zuhören, um den anderen zu begreifen und seinen Ansatz zu verstehen. Wir sind gedanklich schon bei der Antwort, während der andere noch spricht. Es geht uns darum, unser Wissen auszubreiten, die Bühne zu der unsrigen zu machen oder worum auch immer.

Weniger herumeiern, größeren Nutzen erzielen

Unsere Kommunikation sollte die Bedürfnisse des anderen stärker im Hinterkopf haben. Wenn wir den Fokus auf bewusstere und zielgerichtetere Kommunikation mit mehr Aussagekraft richten, weniger herumeiern, dann bekommt unsere gesamte Kommunikation mehr Gewicht und erzielt größeren Nutzen. Das erhöht wiederum unsere Effektivität. Der etwas strapazierte Begriff der Kundenorientierung schärft den Blick: Wer etwas erreichen will, sollte es dem Gegenüber so leicht wie möglich machen zu verstehen, was gewünscht ist. Keiner hat Lust herumzurätseln, zudem haben wir dafür alle keine Zeit. Als Juristin beschäftigte ich mich schon im Studium mit dem so genannten Empfängerhorizont. Man muss wissen, dass Schweigen rechtlich keine Zustimmung ist. Ausnahme: Der andere ist ein Kaufmann, von dem erwartet werden darf, dass er widerspricht, wenn er mit etwas nicht einverstanden ist. Ansonsten liegt eben das anerkennende „kaufmännische Schweigen“ vor.

Auch sollten wir uns des Wissensvorsprungs bewusst sein, den wir als Experten oder Interne haben. Allzu häufig setzen wir beim Gesprächspartner zu viel Vorwissen voraus – auch im Privatleben. Das führt zu doppeltem Verdruss, der „Sender“ ist genervt, weil der andere vermeintlich nicht mitdenkt. Dieser wiederum fühlt sich unwohl, da er sich überfordert fühlt. Das lässt sich vermeiden. Oft fehlt nur ein erklärender Nebensatz. für sich zu definieren: Was möchte ich und wie erreiche ich das? Welche Mittel stehen zur Verfügung? Wer unterstützt mich möglicherweise? Brauche ich Entscheidungen, wenn ja, wer entscheidet?

Ebenso wichtig ist es herauszufinden, was andere von einem wollen und wie sie ticken, um entsprechend mit ihnen umgehen zu können. Einige Zeit war ich neben meinen Aufgaben als Leiterin der Bereiche Marketing und Unternehmenskommunikation, Beteiligungen und Geschäftsleitungssekretariat für VIP-Beschwerden zuständig. An mich wurden aufgebrachte Vorstandsmitglieder der Konzernmutter verwiesen. Ich hatte die interne Bearbeitung anzustoßen und die Kommunikation so lange zu übernehmen, bis Problemlösungen in Sicht waren. Bisweilen landeten bei mir aber auch Beschwerden von Nicht-VIPs, die bei der Telefonzentrale oder anderen Mitarbeitern aufgelaufen waren und von ihnen keinem Fachbereich zugeordnet werden konnten. Es fiel mir immer wieder auf, dass das, was Menschen formulieren, häufig nicht das ist, was sie meinen. Das reicht von eher leicht zu enttarnenden falschen Begrifflichkeiten bis zu – vor Aufregung und Ärger – endlos anmutenden konfusen Leidensgeschichten voller Detailangaben, die sortiert werden müssen, um zu ergründen, wo der Hund denn nun begraben liegt, was nun wirklich schiefgelaufen ist – tatsächlich oder gefühlt.

Als ich mich mit den Grundlagen des Beschwerdemanagements beschäftigte, lernte ich viel von einer Kollegin in der Landesbank Berlin, die dort den entsprechenden Bereich aufgebaut hatte und EDV-gestützt über vielfältige Erfassungs-, Bearbeitungs- und „Wiedergutmachungstools“ verfügte. All das hatte ich nicht.

Wer fragt, führt

Die wichtigsten Tools zur Lösung waren für mich die Fähigkeit, aktiv zuzuhören, und eine gute Fragetechnik. Mein ehemaliger Chef und Mentor sagte nicht umsonst häufig: Wer fragt, führt. Ergänzen mag ich diese Erkenntnis um folgende Einsicht: Und wer nicht fragt, bleibt dumm. Kinder lernen das bei der TV-Sendung Sesamstraße: „Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt bleibt dumm.“ Erwachsene vergessen das. Es ist im Grunde sogar einfach, mit Beschwerden umzugehen. Ich spreche von Deeskalation in mehreren Stufen oder Schleifen. Man muss nur von sich ausgehen: Wer sein Anliegen formulieren darf, fühlt sich allein schon deshalb besser. Also nehmen Sie den Druck aus dem Kessel und lassen Sie den anderen reden. Natürlich gibt es auch Querulanten, die immer ein Haar in der Suppe finden. Solche Leute sind lästig und zudem gefährlich, denn sie werden, sollten man sie nicht zufriedenstellen, Gott und der Welt lautstark berichten, was für ein Saftladen Ihr Unternehmen, Ihre Abteilung, Ihre Behördeneinheit ist und was für ein Einfaltspinsel Sie selbst sind – Wahrheitsgehalt hin oder her. Leider wird kaum jemand die Behauptung hinterfragen, wenn die Person nur halbwegs glaubwürdig erscheint. Damit droht ein Imageschaden.

Wir reden häufig zu viel und dabei oft aneinander vorbei, ohne es zu merken. Wir nehmen uns zu wichtig, jedenfalls sind uns unsere eigenen Befindlichkeiten wichtiger als die des anderen. Profis üben sich in der Kunst des aktiven Zuhörens. Aktives Zuhören ist mehr als nur zuhören. Aktives Zuhören ist Ausdruck von Empathie. Gemeint ist, dem Gegenüber hundertprozentige Aufmerksamkeit zu schenken und sich wirklich für sein Anliegen zu interessieren. Dazu gehört, selbst wenn man schon alles verstanden hat, keine Ermüdungserscheinungen erkennen zu lassen. Während eines Gesprächs E-Mails zu checken oder gelangweilt aus dem Fenster zu schauen – ein No-Go. Das ist nicht nur unhöflich, sondern auch eine Frage des Respekts. Auch rüde oder zu abrupte Unterbrechungen des Redeflusses sind meistens kontraproduktiv. Manchmal erlebt man zeitversetzt gleich mehrere dieser Unarten in einem Gespräch. Ein solches Verhalten ist unklug und der Sache, um die es geht, nicht dienlich. Fragen können ein sehr strategisches Mittel der Gesprächsführung sein. Mit Fragen bringen Sie festgefahrene Gespräche wieder zum Laufen oder in eine andere Richtung. Fragen signalisieren zudem Interesse.

Gedankenexperimente anregen

Manchmal verschaffen sie einem auch Zeit zum Nachdenken. Scheuen Sie sich auch nicht nachzufragen, wenn Sie etwas nicht richtig verstanden haben. Machen Sie es aber geschickt und sagen Sie nicht, Sie hätten etwas nicht verstanden. Drehen Sie den Spieß um und fragen Sie, ob Sie das und das so richtig verstanden hätten. Das macht einen großen Unterschied. Fehlen Ihnen bestimmte Informationen, weil Sie zum Beispiel beim letzten Meeting nicht dabei waren, können Sie das problemlos mitteilen: „Ich glaube, mir fehlt ein Detail, das im letzten Meeting besprochen wurde.“ Das funktioniert auch, wenn man etwas vergessen hat. Allerdings sollte man den Trick dann nicht häufig wiederholen.

Mit hypothetischen Fragen regen Sie zu Gedankenexperimenten an. „Was wäre wenn wir das Teilproblem gelöst hätten, das Budget genehmigt würde, …“ Und nicht zuletzt sei angemerkt, auch wenn man es nicht vermutet: Paradoxe Fragen können ein Team voranbringen: Was würde unser stärkster Mitbewerber an unserer Stelle tun? Welche Schwachstellen würde er finden? Wie könnte er unseren Erfolg verhindern?

Seien Sie kreativ. Denken Sie quer.

Der Text stammt aus dem Buch „Die Löwenstrategie. Wie Sie in vier Stunden mehr erreichen als andere am ganzen Tag“ von Martina Haas, Verlag C.H. Beck, 19,80 Euro

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