Streik bei der Bahn : „Ab Montag wird wahrscheinlich gestreikt“

GDL-Vize Claus Weselsky will mit dem Arbeitskampf der Lokführer auch Güterzüge lahmlegen, um die Wirtschaft zu treffen. Auch einen Streik im Fernverkehr schließt er nicht aus.

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Der vize am Drücker. Claus Weselsky hat die Führung im Tarifstreit mit der Bahn von GDL-Chef Manfred Schell übernommen. -Foto: dpa

Herr Weselsky, hat sich Frau Merkel schon bei Ihnen gemeldet?

Nein, bislang nicht.

Fürchten Sie einen solchen Anruf, oder freuen Sie sich darauf?

Ich fürchte ihn nicht, weil ich überzeugt bin, dass Frau Merkel Verständnis für unseren Arbeitskampf hat. Der Eigentümer Bund muss dem Bahn-Vorstand jetzt einen Kurswechsel verordnen. Wir haben uns bewegt, aber das scheint Bahn-Chef Hartmut Mehdorn nicht zu reichen. Für ihn steht offenbar auch die Privatisierung auf dem Spiel.

Den Streik am Freitag haben Sie abgesagt – aus Angst vor öffentlichem Unmut?

Wir sind davon ausgegangen, dass die Kunden im Nahverkehr schon genug belastet sind. Außerdem setzen wir auf die Vernunft des Vorstands und erwarten, dass er uns ein neues Angebot macht.

Das hat der Konzern abgelehnt. Was heißt das für Sie?

Wir werden in der kommenden Woche unsere Arbeitskämpfe fortsetzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es Montag, Dienstag und Mittwoch Streiks geben wird, ist sehr hoch. Wir werden das kurzfristig beschließen und schauen intensiv auf das öffentliche Meinungsbild. Wir wollen nicht mit einem Streik-Stakkato den Eindruck erwecken, als gäben wir der Bahn keine Chance zum Umdenken.

Müssen Sie nicht zu härteren Maßnahmen greifen, um Ihre Ziele durchzusetzen?

Ja, es muss eine Zeit geben, in der wir den Druck deutlich erhöhen. Allein mit Streiks im Nahverkehr ist das nicht zu schaffen. Denn hier haben die Bahn-Kunden überwiegend Jahres- und Monatskarten, die Rechnungen sind bezahlt. Für die Bahn hält sich der Schaden in Grenzen. Wir haben aber alle Hände voll zu tun, unsere Leute im Güter- und im Fernverkehr zurückzuhalten.

Hier sind Ihnen Streiks noch verboten.

Das ändert sich hoffentlich Anfang kommender Woche. Wir haben jetzt beim Landesarbeitsgericht Chemnitz die Begründung für die Berufung gegen die Einstweilige Verfügung eingereicht und hoffen auf einen schnellen Termin. Unser Ziel ist es, auch in den anderen Bereichen rasch streiken zu können.

Was bringt das?

Wenn wir im Güterverkehr streiken, treffen wir nicht nur die Kunden im Personenverkehr. Sondern auch die Wirtschaft, das erhöht den Druck weiter. Ob wir auch im Fernverkehr einen Arbeitskampf machen, ist noch nicht entschieden. Ich schließe aber nichts aus. Wir werden sehen, ob das den Herrschaften bei der Bahn dann immer noch egal ist.

Wird es unbefristete Streiks geben?

Noch ist das nicht festgelegt. Wir versuchen es erst einmal mit Arbeitskämpfen in ICEs und Güterzügen.

Können Sie sich einen Streik bis Weihnachten leisten?

Niemand sollte davon träumen, dass die Kondition der GDL an irgendeiner Stelle nachlässt. Wir wägen ab, was wir den Kunden zumuten können. Aber wir sind in der Lage, einen langen und intensiven Arbeitskampf zu führen. Wir hoffen aber, dass wir vorher zu einem Ergebnis kommen.

Sie haben also eine Milliarde Euro auf dem Konto?

Nein, wir brauchen viel weniger. Pro Streiktag bekommt ein Lokführer von uns 45 Euro. Das entspricht bei weitem nicht dem Verdienstausfall. Aber das ist gedeckt durch den Dachverband Beamtenbund, der uns unter die Arme greift.

Wo ist Ihre Kompromisslinie?

Kompromissfähigkeit ist in jedem Bereich vorhanden. Wir haben immer signalisiert, dass wir über die Höhe der Entgeltforderung verhandeln, wir wissen, dass Arbeitszeit auch Geld kostet und wir das gegenrechnen lassen. In der Frage des eigenständigen Tarifvertrags können wir aber nicht nachlassen. Was die Bahn uns zuletzt vorgelegt hat, ist ein Knebelvertrag, der würde unsere Position gegenüber heute sogar verschlechtern.

Verzichten Sie auf jegliche Lohnsteigerung, nur um den eigenen Vertrag zu bekommen?

Selbst wenn jeder GDL-Lokführer auf 50 Euro im Monat verzichten würde, möchte der Bahnvorstand keinen solchen Tarifvertrag. Ein eigenständiger Tarifvertrag ohne Lohn- und Arbeitszeitverbesserungen macht jedoch keinen Sinn.

Kommt GDL-Chef Schell vorzeitig aus der Kur zurück?

Das ist derzeit nicht geplant und auch nicht notwendig. Es gibt keine Führungskrise, das ist ein Wunschtraum der Bahn.

Wird Schell vorzeitig abgelöst?

Davon ist nicht auszugehen. Ich werde mich auf dem Gewerkschaftstag im Mai 2008 zur Wahl stellen, dann sehen wir weiter.

Das Gespräch führte Carsten Brönstrup.

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