Streik-Ende : Verdi schluckt die bittere Telekom-Pille

Das Ende des Streiks bei der Telekom wird in Politik und Wirtschaft positiv aufgenommen. Mit 6,5 Prozent weniger Gehalt und einem Kündigungsschutz bis 2012 mussten beide Seiten große Zugeständnisse machen.

Markus Mechnich

Bad NeuenahrNach fünf Wochen Streik und mehreren Tagen Verhandlungen haben Verdi und die Telekom einen Kompromiss erzielt. Verdi darf deutliche Zugeständnisse des Konzerns als Erfolg verbuchen und die Telekom kann ihre Service-Sparte dennoch auslagern. Doch beide Seiten haben auch verloren durch die Einigung.

Den Verhandlungsführern war die Erleichterung nach der Pressekonferenz deutlich anzusehen. Lothar Schröder machte zwar einen weniger glücklichen Eindruck als der Telekom-Personalvorstand Sattelberger, aber wer glaubte schon aus dem Dilemma als Sieger hervorgehen zu können?

Der erzielte Kompromiss hat für alle Beteiligten etwas zu bieten. Verdi konnte die angedrohten 12,5 Prozent Gehaltseinbußen für die Beschäftigten zumindest auf rund die Hälfte abmildern. Mit 6,5 Prozent ist das Minus auf dem Konto der T-Service-Leute erträglicher geworden. Für die Telekom fällt die Einsparung mit 500 bis 900 Millionen Euro in einer Größenordnung aus, die in der Bilanz zu Buche schlägt und den dramatischen Verlust an Kunden ebenfalls etwas mildert. Gleichzeitig werden die Beschäftigten im Service vier Stunden in der Woche länger arbeiten und künftig auch am Samstag Dienst am Kunden anbieten.

Verkaufsschutz bis 2010

Telekom-Streiks
Telekom-Personalvorstand Sattelberger und Verdi-Verhandlungsführer Schröder erklären den erzielten Kompromiss. -Foto: dpa

Verdi kann den Kündigungsschutz bis 2012 als größten Erfolg verbuchen. Die Sicherung der Beschäftigungsverhältnisse wurde und ist zurecht zum höchsten Ziel bei den Verhandlungen erhoben worden. Die Servicegesellschaft, die bereits am 1. Juli an den Start gehen soll, kann bis 2010 nicht verkauft werden. Das die Beschäftigten bleiben also, zumindest bis dahin, im Konzern und genießen die Vorteile eines Großunternehmens. Wahrscheinlicher ist aber, dass die Gesellschaft bis 2012 nicht verkauft werden kann. Ein Unternehmen mit laufendem Kündigungsschutz ist nicht unbedingt attraktiv für potenzielle Käufer. Ein neuen Fall BenQ, also ein Verkauf der Sparte mit anschließender Abwicklung durch Dritte, wird es bei der Telekom vorerst nicht geben.

Für die Beschäftigten der Telekom wird sich die ersten 18 Monate nichts ändern. Sie beziehen ihr Gehalt weiter und erst dann wird es absinken. Die Verlängerung der Wochenarbeitszeit nannte Lothar Schröder, der Verhandlungsführer der Gewerkschaft, „bitter“. Eine halbe Stunde der Mehrarbeitszeit wird für Weiterbildungen genutzt werden.

Kosteneinsparungen im dreistelligen Millionenbereich

  Doch auch die Telekom kann nicht nur Erfolge verbuchen. Der schwer lastende Bereich ist zumindest für weitere drei, wahrscheinlich eher fünf Jahre, an den Konzern gebunden. Die Kosteneinsparungen sind nicht in dem Maße verwirklicht worden, wie sie anvisiert waren. Von zwei Milliarden war die Rede, aber erreicht wurden maximal 900 Millionen. Der reale Wert dürfte wohl eher bei 500 bis 600 Millionen liegen. Gewonnen hat der ehemalige Staatskonzern vor allem Flexibilität. Nicht unbedingt heute und morgen, aber ab 2012 stehen dem Unternehmen alle Optionen offen.

Telekom-Verhandlungen
Aufmerksamkeit garantiert: Streikleiter Ado Wilhelm (l.) und Telekom-Sprecher Andreas Middel vor der Presse.Foto: dpa

Bis dahin wird sich entscheiden, wohin die Festnetzsparte steuert. Auf dem mittlerweile hart umkämpften Markt ist so viel Bewegung, dass es kaum einschätzbar ist, wo der Bereich in fünf Jahren stehen wird. Die technische Entwicklung, samt Internettelefonie und sinkenden Handy-Gebühren, wird noch einiges an Erosion bewirken. Schon heute haben viele, vor allem in städtischen Gebieten, keinen Festnetzanschluss mehr. Diese Zahl wird sich noch steigern, angesichts der technischen Entwicklung und dem Preiskampf auf dem markt für schnelle DSL-Verbindungen. Bei sinkendem Gesamtvolumen des Marktes wird Kampf um Anteile noch härter werden. Der Service wird für den Erfolg der Sparte zu einem entscheidenden Kriterium werden.

Nichts mehr zu gewinnen für beide Seiten

Am Ende war für beide Seiten nichts mehr zu gewinnen. Ein fortgesetzter Streik hätte die Positionen kaum mehr verändern können. Verdi konnte nicht mehr erreichen. Der Konzern steht im Festnetzbereich mit dem Rücken an der Wand. Zudem hatte die Telekom immer noch die Option der Schließung in der Hand. Der Imageschaden wäre durchaus enorm gewesen, doch die Folgen für die Beschäftigten fatal. So einigte man sich schließlich auf eine größere Zahl bitterer Pillen für beide Seiten und die Chance, erhobenen Hauptes aus den Verhandlungen gehen zu können. Inwieweit der Abschluss dem Unternehmen - und damit letztendlich auch den Beschäftigten - nützt, muss die Zukunft zeigen.

Die Große Tarifkommission von Verdi stimmte dem Kompromiss zu. Nach einer mehrstündigen Sitzung in Köln habe das Gremium mit überwältigender Mehrheit entschieden, die mit der Telekom erzielte Lösung anzunehmen, sagte Schröder nach dem Ende der Sitzung in Köln.

Nicht nur bei den Kunden, sondern auch bei Wettbewerbern der Telekom sorgt die Einigung derweil für Aufatmen. "Die Branche ist heilfroh, dass der Streik vorbei ist", sagte ein Branchenkenner. So seien andere Anbieter bei der Aufschaltung von DSL-Anschlüssen auf die Telekom-Techniker angewiesen und hätten in den vergangenen Wochen mit Verzögerungen leben müssen. Die Einigung selbst sieht der Experte als einen "wichtigen ersten Schritt dazu, dass die Telekom von ihren Kosten runterkommt", es müssten aber noch weitere Schritte folgen. Zwar könnten Einschnitte für die Beschäftigten möglicherweise auch zu Lasten der Servicequalität gehen, das Unternehmen habe aber keine andere Wahl, sagte der Experte. "Sie steht unter einem enormen Kostendruck."

Martin Dörmann, Berichterstatter der SPD-Bundestagsfraktion für Telekommunikation, begrüßt die Einigung im Tarifstreit der Telekom. "Entscheidend ist am Ende, was die Arbeitnehmer in der Tasche haben", sagte Dörmann dem Tagesspiegel. "Es wurde ein Weg gefunden, dass das Entgelt zunächst auf dem Niveau von heute bleiben kann." Auch die Vereinbarungen in Sachen Kündigungs- und Verkaufsschutz wertete Dörmann positiv. "Uns ist wichtig, dass die Telekom ein integrierter Konzern bleibt", sagte er.

Die Börse honorierte den Abschluss bereits mit leichten Kurssprüngen. Ein Zwischenhoch hob die Aktie auf 14,04 Euro an. Am Nachmittag verbuchte der Kurs ein Plus von 0,80 Prozent auf 13,87 Euro. Zwischenzeitlich erreichte die Aktie wieder das Vortagesniveau, bevor die Zustimmung der Tarifkommission bekannt wurde.

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