Wirtschaft : Streiks gegen Jobverlagerung

Infineon-Mitarbeiter in München wehren sich gegen Werksschließung – 25000 AEG-Beschäftigte legen europaweit die Arbeit nieder

Nicole Huss

München - Bei den Arbeitnehmern wächst der Widerstand gegen drohende Werksschließungen und Stellenverlagerungen. Beim Chiphersteller Infineon machte die IG Metall am Freitag den Weg für unbefristete Streiks im Münchener Stammwerk frei. In Nürnberg protestierten rund 1000 Beschäftigte des Hausgeräteherstellers AEG gegen die geplante Schließung des Werks. Insgesamt stehen bei Infineon und AEG mehr als 2500 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Auch bei Siemens fürchtet der Gesamtbetriebsrat weiteren massiven Stellenabbau. Der bayerische IG Metall-Chef Werner Neugebauer kritisierte die Unternehmen scharf. Mit ihrer rücksichtslosen und konzeptlosen Politik hätten sie die miserable Situation selbst zu verantworten, sagte er dem Tagesspiegel.

Nach Angaben der IG Metall haben fast 93 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder im Münchener Infineon-Werk in einer Urabstimmung für einen Streik gestimmt. Am Samstag soll entschieden werden, von wann an gestreikt werden soll. „Streik ist für uns nur das letzte Mittel, aber Infineon hat uns keine andere Wahl gelassen“, sagte Neugebauer. Der Konzern sei der Gewerkschaft kaum entgegen gekommen.

Infineon will das 20 Jahre alte Werk mit 800 Beschäftigten Anfang 2007 schließen und hat dies mit veralteter Produktionstechnologie begründet. Die Fertigung soll in die Werke nach Regensburg und Villach verlagert werden. Die IG Metall will die Schließung hinauszögern und sozial abmildern. Die Gespräche darüber waren nach zwei Verhandlungsrunden gescheitert. Nun fordert die Gewerkschaft für die Mitarbeiter eine Beschäftigungsgesellschaft über mehrere Jahre und angemessene Abfindungen.

Der zuständige Chef der Infineon-Automobilsparte, Reinhard Ploss, sagte, der Konzern sei jederzeit zu Verhandlungen über Abfindungen und eine Beschäftigungsgesellschaft bereit. Der Termin der Schließung sei dagegen nicht verhandelbar. Ploss drohte, ein längerer Streik könne die Werksschließung wegen Produktivitätsausfällen beschleunigen.

Der bayerische IG-Metall-Chef Neugebauer kritisierte, das Management habe lange Zeit geschlafen und Investitionen in das Werk versäumt. Das müssten die Mitarbeiter nun ausbaden. Auch gegen das Management des AEG-Mutterkonzerns Electrolux erhob Neugebauer schwere Vorwürfe. „Die haben über Jahre hinweg ihre Hausaufgaben nicht gemacht“, sagte er. Es sei Wahnsinn, dass Electrolux Millionenbeträge in zwei neue Werke in Polen gesteckt habe, die nun nicht ausgelastet seien. Die deutschen Mitarbeiter müssten nun dafür büßen, indem ihre Jobs nach Polen verlagert werden sollen. „Es ist absurd, dass AEG und Infineon es sich insgesamt 340 Millionen Euro kosten lassen wollen, mehr als 2500 Arbeitsplätze zu vernichten“, sagte Neugebauer. So viel würde eine Schließung der beiden Werke nach IG-Metall-Angaben kosten.

In Nürnberg blockierten am Freitag rund 1000 der insgesamt 1750 Mitarbeiter das AEG-Werk. Zu der Blockade hatte der Europäische Metallgewerkschaftsbund aufgerufen. Insgesamt protestierten 25000 Mitarbeiter der europäischen Electrolux-Standorte gegen Verlagerungen nach Osteuropa. Ein AEG-Sprecher sagte dem Tagesspiegel, die Blockaden seien illegal, weil Streiks nur im Rahmen von Tarifauseinandersetzungen zulässig seien. Der Konzern prüfe deshalb rechtliche Schritte. Nach Angaben des Sprechers wollen Arbeitgeber und Arbeitnehmer dennoch in der kommenden Woche weiter über Alternativen zur Schließung des Nürnberger Werks beraten.

Auch bei Siemens fürchten die Arbeitnehmer-Vertreter weiteren Stellenabbau. Gesamtbetriebsratschef Ralf Heckmann fürchtet, dass sich Siemens systematisch aus Deutschland zurückziehen und innerhalb von zehn Jahren rund 70000 der 164000 inländischen Arbeitsplätze abbauen könnte. Dies betreffe inzwischen sogar die Höherqualifizierten.

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