Streiks : Industrie kommt ohne Bahn nicht aus

Konzerne sehen die Produktion beeinträchtigt. Privatbahnen prüfen Regressforderungen an Lokführer

N. Sorge,J. Tönnesmann

Düsseldorf – Die deutsche Wirtschaft befürchtet massive Beeinträchtigungen durch den ab Donnerstag drohenden Lokführer-Streik. Vor allem die Großindustrie, darunter Autohersteller und Stahlproduzenten, rechnet mit Engpässen bei Produktion und Auslieferung. Auch die Betreiber der großen Häfen sind besorgt, dass die Lokführergewerkschaft GDL zunächst vor allem den zuletzt in Deutschland wieder stark gewachsenen Schienen-Güterverkehr lahm legen will.

„Wenn die Waren nicht mehr über die Schiene abfließen können, wird die Straße kaum vollwertigen Ersatz bieten“, sagte ein Sprecher der Hamburger Hafen- und Logistik AG (HHLA), dem Tagesspiegel. Mehr als 70 Prozent der Güter auf langen Strecken vom und zum wichtigsten deutschen Seehafen würden über die Schiene transportiert. Auf den Terminals könnten die Container nur begrenzt zwischengelagert werden. Auch der größte deutsche Binnenhafen in Duisburg stellt sich auf Schwierigkeiten ein. „Wenn die Streikenden Knotenpunkte blockieren, kommt die Ware nicht an oder staut sich“, sagte eine Sprecherin dem Tagesspiegel. Branchenexperten erwarten, dass Schiffe einen Bogen um die deutschen Häfen machen werden.

Die Stahlindustrie befürchtet besondere Härten. „Das Verkehrsaufkommen der Bahn für die Stahlindustrie ist gewaltig, und deshalb haben Störungen bedeutende Auswirkungen“, sagte der Vorstandschef des Salzgitter-Konzern, Wolfgang Leese. Branchenkreisen zufolge wäre die Versorgung der Hochöfen Salzgitters mit wichtigen Rohstoffen wie Kokskohle und Eisenerz spätestens nach sieben bis zehn Tagen Bahnstreik gefährdet, berichtet das „Handelsblatt“. Thyssen-Krupp-Steel hat mit der DB-Tochter ein Notfallkonzept erarbeitet, nach dem beispielsweise beamtete Lokführer die dringlichsten Frachten fahren sollen. Konzepte, die auf den Straßentransport setzen, haben wiederum die Autobauer wie Porsche, Volkswagen und BMW ausgearbeitet.

Die nicht bestreikten Privatbahnen prüfen derweil Regressforderungen gegen die GDL. „Sind die Schienen blockiert, können auch wir nicht fahren“, sagte der Geschäftsführer des Netzwerks Privatbahnen, Arthur-Iren Martini, dem Tagesspiegel. „Kleine Unternehmen sind deshalb in ihrer Existenz bedroht.“

Mehr Aufträge durch den Streik erhoffen sich dagegen die Lkw-Spediteure. „Wenn die Nachfrage durch den Streik bei der Bahn noch steigt, wird das helfen, die Preise mal nach oben zu drücken“, sagte Frank Wylezol, Geschäftsführer beim Hamburger Verband Straßengüterverkehr und Logistik. Die Transportpreise könnten im „deutlich einstelligen Prozentbereich“ steigen. Ebenfalls profitieren könnten die Fluggesellschaften. Germanwings verzeichnete bereits erste Reaktionen: „Wir spüren einen leichten Anstieg der Buchungen für diese Woche“, sagte ein Sprecher. Vor allem auf den kürzeren Strecken innerhalb Deutschlands verkaufe Germanwings mehr Flüge – etwa auf der Strecke Berlin-Köln. Andere Fluggesellschaften wie etwa Tuifly, Lufthansa und Air Berlin registrierten am Montag allerdings noch keine nennenswerten Reaktionen der Reisenden.

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