Wirtschaft : Streit um die neue Führung des russischen Erdgaskonzerns. Wird Vorstandschef Rem Wjachirew abgelöst?

win/asi

Der russische Staat will nach eigenen Angaben seinen Einfluss auf den Erdgaskonzern Gazprom ausweiten. Wie das Moskauer Ministerium für Staatseigentum am Mittwoch mitteilte, wird die Regierung während der außerordentlichen Hauptversammlung an diesem Donnerstag die Erhöhung der Zahl ihrer Stimmen im elfköpfigen Gazprom-Aufsichtsrat von vier auf fünf beantragen.

Ob dies allerdings die einzige Veränderung sein wird, die die Regierung anstrebt, wird in Moskau kurz vor der Veranstaltung noch immer bezweifelt. Die russische Wirtschaftsberatungsgesellschaft Aton nährte jetzt erneut Spekulationen um den bevorstehenden Sturz des Vorstandschefs der Gazprom, Rem Wjachirew. In einem Gutachten bezeichnete Aton die Wahrscheinlichkeit, mit der Wjachirew weiter Chef der Gazprom bleibt, als "fifty-fifty". Sollte der 65-Jährige tatsächlich abgewählt werden, warnen die Gutachter, werde "das auch Risiken für ausländische Investitionen bei Gazprom bringen".

Das Ministerium für Staatseigentum dementierte am Mittwoch zwar diese Spekulationen. Gazprom-Chef Rem Wjachirew, so die Regierungsvertreter, werde während der Abstimmung über den Aufsichtsrat das Stimmrecht für 35 Prozent der Unternehmensanteile ausüben, die sich in der Hand des russischen Staates befinden und von Wjachirew treuhänderisch verwaltet werden. Von Vertrauensverlust also keine Spur. Dennoch wollen Beobachter festgestellt haben, dass Emissäre des Energieministeriums seit Wochen Vollmachten zur Übertragung des Stimmrechts von Kleinaktionären sammeln. Insgesamt 20,9 Prozent der Unternehmensanteile gehören seit der Privatisierung zwischen 1993 und 1995 russischen natürliche und 36,3 Prozent juristischen Personen. Nutzt die russische Regierung deren Stimmen, könnte sie ihren Einfluss auf Gazprom entscheidend ausweiten. Gazprom speist rund 25 Prozent des russischen Staatshaushaltes und kontrolliert etwa ein Drittel des Fernsehsenders NTW. Die TV-Station zählt im Gegensatz zum russischen Staatsfernsehen nicht nur zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Medien des Landes. Sie strahlt auch eine Jelzin-kritisches Programm aus.

Die deutschen Partner der Gazprom sehen den vermeintlichen Machtkampf offenbar gelassen. Ein Sprecher der Ruhrgas AG (Vier-Prozent-Aktionär der Gazprom) sagte am Mittwoch, dass man "keine Überraschungen von der Hauptversammlung erwarte". Auch widersprach er Gerüchten, nach denen das Unternehmen einen Aufsichtsratssitz beanspruchen will. "Wir haben daran definitiv kein Interesse".

Auch der Chef des Berliner Gemeinschaftsunternehmens Zarubezhgaz (Gazprom/Wintershall AG), Hans-Joachim Gornig, bezeichnete die Spekulationen um einen Führungswechsel bei Gazprom als "übertrieben". Zumindest seien von den derzeitigen Spekulationen um den Einfluss des russischen Staates beim Gasförderer Gazprom keine nachteiligen Auswirkungen auf die Gaslieferbeziehung der Russen mit Wintershall zu befürchten, sagte Gornig. Die BASF-Tochter Wintershall errichtet derzeit gemeinsam mit Gazprom eine Gaspipeline zur Gasversorgung in Deutschland und Westeuropa.

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