Stress : Wie kann man zu großen Stress im Alltag bekämpfen?

Wie kann man den Arbeitsstress bloß abbauen? Unsere Autorin hat verschiedene Methoden getestet

Anja Martin
Bloß nicht wackeln. Der Burnout kommt immer früher, beobachten Entspannungstrainer. Gerade deswegen ist es wichtig, eine Methode für sich zu finden, die hilft, den Arbeitsstress abzubauen – frühzeitig. Ob Theater oder Yoga, es wirkt, was angenehm ist. Foto: AFP
Bloß nicht wackeln. Der Burnout kommt immer früher, beobachten Entspannungstrainer. Gerade deswegen ist es wichtig, eine Methode...Foto: AFP

Die nächste Ringbahn kommt erst in sechs Minuten? Das wird knapp. Dann hätte ich mir den Schnellschritt zur S-Bahn-Station sparen können. Nun laufe ich das Gleis auf und ab, als könnte das die Bahn zur Eile antreiben. Endlich kommt sie, Umsteigen am Ostkreuz. Vor dem Ostbahnhof schließlich ein außergewöhnlicher Stopp – es scheint kein Gleis frei zu sein. Jetzt ist es besiegelt: Ich komme zu spät. Wo habe ich noch mal die Telefonnummer? Ich krame in der Tasche, suche im Handy und melde zerknirscht, dass ich ein paar Minuten später da sein werde. Ein entspannter Arbeitsstart sieht anders aus. Dabei will ich heute rausfinden, wie man Stress abbaut. Dafür treffe ich mich mit verschiedenen Leuten in Berlin, die sich mit so was auskennen.

9.40 UHR, JOSETTI HÖFE, MITTE

Ein freundlicher Raum mit Blick in den Innenhof. Auf dem Boden liegen ausgerollt die Matten für das Autogene Training. Abgehetzt sinke ich in eins der gemütlichen, weißen Sesselchen. Mir gegenüber ein sympatisches, offenes Gesicht, das entspannter und zugleich lebensbejahender nicht sein könnte. Claudia Kunze ist 30, zertifizierte Stressmanagementtrainerin und Personal Coach. Sie bietet Kurse für Autogenes Training und Progressive Muskelrelaxation (PMR), sowie spezielle Stressmanagementkurse und Einzelcoachings an. „Zu mir kommen viele Junge, die im Berufsleben stehen“, erzählt sie. „Manche haben mit Ende Zwanzig schon ihren zweiten Burnout. Das kommt immer früher.“

Unter den Kursteilnehmern sind der Marketingleiter und der Architekt genauso wie der Student, die Sekretärin und die Fleischereifachverkäuferin. Ihr gemeinsamer Nenner: Sie wollen etwas für sich tun und ins Gleichgewicht kommen. Sie klagen über Stresssituationen, Schlafstörungen, Nervosität, Gedankenkreisen und Tinnitus.

Wie man sich fühlt, wenn der Körper streikt, hat die Trainerin vor ein paar Jahren selbst erfahren. Sie hatte eine internationale Marketingposition mit 60-Stunden-Woche. Doch dann bekam sie Krebs – und verabschiedete sich aus dem Stressjob. „Die Ausbildung zur Stressmanagement-Trainerin habe ich zuerst nur für mich gemacht,“ erinnert sie sich, „habe dann aber gemerkt, dass ich das gern weitergeben möchte.“

Bei Autogenem Training gehe es darum, sich in eine Tiefenentspannung zu versetzen, den Zugang zum Unbewussten zu finden, auf Fantasiereisen zu gehen. Wer zu hibbelig ist, sich 15 Minuten auf die Matte zu legen und abzuschalten, für den empfiehlt sie erst mal PMT, das über Anspannen und Entspannen einzelner Muskeln funktioniert. „Wenn wir die Muskeln entspannen, ist auch der Kopf entspannt.“ Die ersten Erfolge erziele man hier sehr schnell. Auf lange Sicht allerdings sei Autogenes Training effektiver und sogar praktikabler. Zwar dauere es zu Beginn noch rund fünfzig Minuten, um in die Tiefenentspannung zu kommen, später nur noch drei bis fünf Minuten.

Im Stressbewältigungskurs geht es dann darum, mit persönlichen Stresssituationen umgehen zu lernen. Dafür können Teilnehmer aus einem Potpourri an Möglichkeiten wählen. Dazu zählen kognitive Strategien, durch die man die eigene Bewertung der Dinge ändern lernt, positive Selbstinstruktion, die auf die Kraft der Gedanken setzt, Desystematisation, die darauf zielt, den Alltag zu ändern oder auch Zeitmanagement, Kommunikationstraining, Lebenszeitmanagement, Zielformulierung und Genusstraining.

11.05 UHR, WINSSTRASSE, PRENZLAUER BERG

„Es gibt Leute, die trauen sich nicht, mir in die Augen zu schauen“, sagt Anna Rhoer-Stenker, die seit zwei Jahren als Hypnotiseurin arbeitet. Erst einmal muss sie mit den Klischees zu Hypnose und Trance aufräumen. Es gehe bei dieser Arbeit nicht um das, was viele als Hypnose kennen. „Der Klient ist nicht weg, er ruht sich nur aus und das Unterbewusstsein ist offen“, erklärt sie. Es gehe um eine leichte bis mittlere Trance, wie auch beim Autogenen Training oder vielen anderen Entspannungstechniken.

Und sie führt an, dass wir uns – ohne es zu wissen – ganz oft in Trancezuständen befinden: Etwa wenn wir auf der Autobahn fahren und uns wundern, dass wir schon da sind. Mit dem Unterschied, dass der Hypnotiseur diesen Zustand gezielt einleiten und wieder ausleiten kann. Dabei sollen die Klienten lernen, sich auch selbst in Hypnose zu versetzen.

12.45 UHR, TAYOME, FRIEDENAU

„Die Tai Chi-Schüler, die zu mir kommen“, berichtet Claudia Friedel, „wollen lernen, sich zu Entspannen und ihre Mitte zu finden.“ Die Kampfkunst ist Konzentration ohne Anspannung. Und so ist auch das Entspannen ein Aspekt, den man übt, um Tai Chi zu lernen. Sein ganzes Leben könne man damit zubringen, es zu lernen. Trotzdem gäbe es auch schon am Anfang positive Erfahrungen, von denen man profitieren könne.

Eine Frage, die sich im Praktizieren stellt: „Bin ich ruhig und gelassen, wenn jemand mit Druck auf mich zukommt?“ Denn es geht darum, weder mit Gegendruck noch mit Ausweichen zu reagieren. „Wenn man das körperlich gelernt hat, kann man es auf normale Alltagssituationen übertragen“, sagt Friedl. Doch das möchte sie jedem Einzelnen überlassen.

14.20 UHR, TELEFONGESPRÄCH

Seit einem Jahr bietet Tim Daugs online die Neurostreams an, die auf dem Konzept der Gehirnwellen basieren. Als Abonnent könnte man da den ganzen Tag Gehirnwellenradio hören. Speziell zur Entspannung wird morgens „Unter der Flowdusche“ und abends der „Wellnesswalk“ gesendet. Dabei geht es um Soundteppiche, die ohne Rythmusinstrumente und Bass über Beats und mit bestimmten Hertzzahlen funktionieren und die der Internetunternehmer selbst programmiert hat. „Für eine Entspannung reicht es, wenn man sich 15 Minuten wirklich Zeit nimmt, das Handy ausschaltet, Skype zumacht, den Kopfhörer aufsetzt und die Augen schließt“, verspricht Tim Daugs. Die Stücke gibt es auch im Download.

16.30 UHR, SENEFELDER PLATZ, PRENZLAUER BERG

Im Gesundheitszentrum Sonne und Mond erwartet mich Alexander Peters, Yogalehrer und Heilpraktiker für Ayurveda in seinem Büro an einem schlichen Holztisch. Auf meinem Platz liegt ein pinkfarbenes Plüschkissen. Ich setze mich auf den Farbfleck und fühle mich schon ein klein wenig erleuchtet. Muss während des Gesprächs immer zwischen dem freundlichen Gesicht mir gegenüber und der indischen Gottheit an der Wand hin- und herschauen. „Stress gilt primär als Krankheitsverursacher“, so der Leiter des Gesundheitszentrums. „Daher stellt sich für jeden die Frage: Wie bewältige ich Stress?“

Yoga biete durch Dehnung und Kräftigung körperliche Entspannung an, doch es sei wichtig, im Laufe der Zeit weiterzugehen und zu fragen, woher der Stress komme. Häufig werde er durch unsere eigene Haltung verursacht. „Für den einen ist eine Situation stressreich, für den anderen die entspannteste Situation der Welt.“ Auf keinen Fall dürfe man Yoga als eine Art Supergymnastik betrachten und das Leistungsdenken, das uns tags bestimme, mit ins Yoga hineinnehmen.

AM ENDE DES TAGES

Ich rase noch zu weiteren Terminen bei anderen Stressexperten, die aus ihren Werkzeugkästen außerdem Reiki, Qi Gong, Neurolinguistische Programmierung (NLP), Emotional Freedom Technics (EFT), Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR), Edelsteinenergiemassage und vieles mehr ziehen. Diese Auswahl überfordert mich und ich bin nicht sicher, wohin ich jetzt mit dem ganzen Arbeitsstress?

Vielleicht kann der Psychiater Mazda Adli, Oberarzt an der Charité und Forschungsbereichsleiter für affektive Störungen, der sich intensiv mit dem Thema Stress befasst, etwas raten? „Was generell hilft,“ sagt er, „ist die gezielte Beschäftigung mit angenehmen Aktivitäten. Sei es Musik hören, ein Buch lesen, Sport machen, Spazieren oder ins Theater gehen. Es ist gut, genau zu wissen, was uns wirklich Erholung gibt.“ Erst auf der nächsten Ebene gehe es um die spezifischen Entspannungsverfahren. „Der Angebotsdschungel ist leider oft verwirrend, manches auch von zweifelhafter Wirksamkeit“, so Adli. „Und für die seriösen Angebote gilt: Nicht alles hilft jedem.“ Doch die Suche danach und das Ausprobieren mache Sinn. „Jeder sollte sich seiner idealen Erholungsform bewusst sein, rechtzeitig bevor der Stress das Ruder übernimmt.“

Ich überlege: Vielleicht Genusstraining bei einem guten Abendessen und dazu ein paar Takte Gehirnwellenradio? Klingt ziemlich gut in meinen Ohren.

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