Wirtschaft : Stresstest für die Optimisten

Henrik Mortsiefer

Eine alte Börsenregel besagt, dass der Januar den Trend für das gesamte Finanzjahr vorgibt. 2006 hat so gesehen für die Anleger viel versprechend begonnen. Deutsche und internationale Aktien sind zum Teil kräftig gestiegen – und viele Experten sind davon überzeugt, dass es weiter bergauf geht. Schon in der kommenden Woche könnte der Optimismus allerdings auf eine erste Probe gestellt werden, denn in den USA beginnt die Berichtssaison der größten Unternehmen.

„Nimmt man die Vorankündigungen als Orientierungsgröße, dürften die Ergebnisse noch recht ordentlich ausfallen“, schreibt Helaba Trust in seinem Wochenausblick. Zwar sei mit der einen oder anderen Enttäuschung zu rechnen. Die Ergebniszuwächse dürften nach Einschätzung der Banker aber im Schnitt zweistellig ausfallen – und damit deutlich über dem historischen Mittel von sieben Prozent liegen.

Für die Aktienkurse und das Klima an den internationalen Börsen sind die Berichte der großen US-Konzerne von zentraler Bedeutung. Der starke Kursanstieg der vergangenen Wochen verdeutlicht, dass die Märkte positive Erwartungen haben. Schon die mäßigen Zahlen, die der Aluminiumproduzent Alcoa und der Chemiekonzern Dupont in der vergangenen Woche vorlegten, sorgten an der Wall Street – und in der Folge auch anderen Börsen – für einen Dämpfer.

Die DZ Bank bereitet ihre Kunden deshalb auf weitere Enttäuschungen vor: „Der guten Entwicklung in den ersten Januarwochen, die an der Wall Street Tradition hat, dürfte sich jetzt eine Schwächephase anschließen.“ Eine Ursache sieht die Bank auch darin, dass die Gewinnschätzungen für die 500 größten US-Unternehmen, die im S & P -500-Index notiert sind, noch zu hoch seien.

Die Folgen für den deutschen Aktienmarkt könnten gravierend sein. Die DZ Bank erwartet auch hierzulande eine – allerdings vorübergehende – Abkühlung. „Erst zu Beginn der Berichtssaison zum vierten Quartal, die Mitte Februar beginnt, ist mit neuen Impulsen zu rechnen.“ Dann könne der Dax wieder bis auf 5700 Punkte klettern.

Am Freitag ging der Index mit einem Stand von 5483 Zählern aus dem Handel. Die Marke von 5500 Punkten konnte der Dax somit nicht halten. Im Wochenverlauf fiel er um ein Prozent. Anleger, die ihren Optimismus für das Gesamtjahr nicht verloren haben, sollten dies nicht tragisch nehmen. „Rückschläge sollten zu Nachkäufen genutzt werden“, empfiehlt die DZ Bank.

Marktbeobachter schließen nicht aus, dass der Dax bis Ende Januar auf 5300 Punkte fällt. „In Deutschland herrscht die Ruhe vor dem Sturm, weil die Berichtssaison hier erst in der vierten Januarwoche richtig losgeht“, sagte Marktstratege Frank Schallenberger von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Impulse für die Kurse deutscher Aktien werden also von der New Yorker Börse stammen. Nach einem feiertagsbedingten Ruhetag an der New Yorker Börse werden drei Tage lang Technologiewerte im Fokus stehen, weil die US-Konzerne Intel, Yahoo, Apple, Motorola und General Electric nacheinander Zahlen vorlegen. Die Zwischenbilanzen der Finanzhäuser JP Morgan (Mittwoch), Merrill Lynch (Donnerstag) und Citigroup (Freitag) werden zugleich das Interesse auf Bank-Aktien lenken.

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