Strom aus der Wüste : Desertec-Partner können auf deutsche Aussteiger verzichten

Unterstützer von Saudi-Arabien bis in die USA halten trotz des Abgangs von Eon, HSH Nordbank und Bilfinger an dem Wüstenstromplan fest.

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Strom aus der Wüste. Bei der Gründung der Desertec Industrial Initiative (Dii) im Sommer 2009 hatten gut 30 Großkonzerne – darunter Munich Re, RWE und die Deutsche Bank – den Plan formuliert, gemeinsam bis zum Jahre 2050 rund 400 Milliarden Euro in Wüstenregionen Nordafrikas und Arabiens zu investieren und damit genügend regenerativ erzeugten Strom zu erzeugen, um damit zusätzlich auch 15 Prozent des Bedarfs in Europa zu decken.
Strom aus der Wüste. Bei der Gründung der Desertec Industrial Initiative (Dii) im Sommer 2009 hatten gut 30 Großkonzerne –...Foto: dpa

Ob die Deutschen mitmachen oder nicht: „Ich gehe jede Wette ein, dass schon in zehn Jahren genügend Wüstenstrom erzeugt wird, um Überschüsse davon auch nach Europa zu transportieren und dort zu verkaufen“, sagt Paddy Padmanathan, der aus Sri Lanka stammende Chef des saudi-arabischen Projektentwicklers und Investors ACWA Power.

Das Unternehmen mit Sitz in Riad ist spezialisiert auf Kraftwerke und Meerwasserentsalzung und hat in acht Ländern in Anlagen mit einem Gesamtwert von 23 Milliarden Dollar (16,7 Milliarden Euro) investiert.

Anfang dieser Woche war bekannt geworden, dass Europas größter Energiekonzern Eon, die Landesbank HSH Nordbank und der Mannheimer Bau- und Dienstleistungskonzern Bilfinger die vor fünf Jahren feierlich gegründete Industrie-Initiative Ende 2014 verlassen werden – beziehungsweise diese, wie im Falle der HSH Nordbank, zum vergangenen Jahreswechsel bereits verlassen haben. Die Industriekonzerne Siemens und Bosch waren bereits zuvor ausgestiegen.

Bei der Gründung waren 30 große Konzerne dabei

Bei der Gründung der Desertec Industrial Initiative (Dii) im Sommer 2009 hatten gut 30 Großkonzerne – darunter Munich Re, RWE und die Deutsche Bank – den Plan formuliert, gemeinsam bis zum Jahre 2050 rund 400 Milliarden Euro in Wüstenregionen Nordafrikas und Arabiens zu investieren und damit genügend regenerativ erzeugten Strom zu erzeugen, um damit zusätzlich auch 15 Prozent des Bedarfs in Europa zu decken. Die Gesellschafter unterstützen seither die Münchner Geschäftstelle der Dii unter Leitung des Niederländers Paul van Son jährlich mit einem Beitrag von jeweils 75 000 Euro. Die Dii organisiert dafür Kongresse, erstellt Studien, hilft bei der Organisation konkreter Kraftwerksprojekte und betreibt politische Klimapflege, wo immer nötig zwischen Berlin, Brüssel, Tunis und Tripolis. Die deutschen Abgänge sind ein Problem für die Glaubwürdigkeit der Initiative.

Paddy Padmanathan, der aus Sri Lanka stammende Chef des saudi-arabischen Kraftwerksbetreibers und Desertec-Partners ACWA Power.
Paddy Padmanathan, der aus Sri Lanka stammende Chef des saudi-arabischen Kraftwerksbetreibers und Desertec-Partners ACWA Power.Foto: promo

Paddy Padmanathans saudische ACWA stieß erst 2012 zu dem Dii-Konsortium. Er lobt, Deutschland habe sich sehr um die Entwicklung und Marktreife der erneuerbaren Energien verdient gemacht. „Heute sind Technologien wie Windkraft, Fotovoltaik und sogar Solarthermie absolut konkurrenzfähig zu den fossilen Rohstoffen“, sagt Padmanathan. Sein Unternehmen habe bis vor drei Jahren fast ausschließlich in fossile Kraftwerke investiert, seither sei aber etwa die Hälfte der Investitionssumme in Höhe von insgesamt 15 Milliarden Dollar in regenerative Energieerzeugung geflossen.

First Solar sieht enormes Potenzial

Auch andere Partner wollen sich das Wüstenstrom-Konzept und ihr Netzwerk nicht kaputtreden lassen. So sehe man auch bei First Solar weiter „enormes Potenzial“ für den Aufbau eines nachhaltigen Marktes für Solarenergie in der Mena-Region (Middle East and North Africa), wie Christopher Burghardt, Vertreter des US-Konzerns für Europa und die Mena-Länder dieser Zeitung sagte. First Solar bleibe Gesellschafter der Dii, „weil sie die ideale Industrieinitiative ist, um die Energie aus der Wüste zu holen“.

Firmen aus der Wüste selbst, wollen mit Hilfe des Dii-Netzwerkes zunächst die Selbstversorgung der Region organisieren. „Es geht viel mehr um Netzausbau und den Austausch von Strom aus erneuerbaren Energien, auch und vor allem auf dem afrikanischen Kontinent: für Mauretanien ist das keine Option, sondern eine Notwendigkeit“, sagt Mohamed Lemrabott El Moctar, der den verhältnismäßig kleinen Dii-Partner Maurisolaire aus Mauretanien führt. Deshalb sei seine Firma seit der Gründung der Initiative dabei. „Wir sind mit ihrer Arbeit sehr zufrieden“, sagt El Moctar.

Die Chinesen könnten die Führungsrolle übernehmen

Im Kreis der Desertec-Konzerne fragt man sich nun, warum die Deutschen vor fünf Jahren überhaupt diese Initiative gegründet haben. „Die Deutschen sind nicht dumm, sie haben Desertec gestartet, um eine Plattform für innovative Industrieprodukte zu schaffen“, meint ACWA-Power-Chef Padmanathan. Angesichts der Technologieführerschaft, die deutsche Unternehmen einnehmen würden, und der Innovationskultur, die ja tief in der deutschen Industriekultur verwurzelt sei, messe er der Dii-Partnerschaft einen erheblichen Wert bei. Der Erneuerbare-Energien-Sektor werde in jedem Fall wachsen. „Wenn die Deutschen sich darauf nicht mehr so stark konzentrieren, werden andere kommen, um die Führungsrolle für sich zu beanspruchen.“

Etwa die Chinesen? Auf die Frage, was er von dem erst vor Monaten erfolgten Dii-Beitritt des Stromnetzbetreibers State Grid Corporation of China (SGCC), einem der größten Konzerne überhaupt, hält, antwortete Padmanathan: Die Dii solle so breit aufgestellt sein, wie möglich, zugleich aber nicht so viele Mitglieder haben, dass die Koordination zu kompliziert werde. „Wir brauchen keine 50 Partner. 25 sind prima“, sagte er. Stand heute sind es 35, davon 17 mehr zahlende große Gesellschafter und 17 kleine Partner.

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