Wirtschaft : Strombörse will auch mit Gas handeln

Bisher gibt es nicht einmal einen allgemein anerkannten Marktpreis / Dem Handelsplatz fehlt es noch an Transparenz

Anselm Waldermann

Leipzig - Der deutsche Gasmarkt steht vor einer tiefgreifenden Änderung. So plant die deutsche Energiebörse EEX (European Energy Exchange) mittelfristig einen Einstieg in das Geschäft mit Erdgas. Das sagte der Vorstandsvorsitzende der EEX, Hans-Bernd Menzel, dem Tagesspiegel. „Technisch sind wir dazu sehr schnell in der Lage.“ Bisher kann an der EEX nur mit Strom und Kohlendioxid-Zertifikaten gehandelt werden.

Für den deutschen Gasmarkt wäre die Eröffnung einer allgemein zugänglichen Handelsplattform etwas völlig Neues: Bisher wird Erdgas hierzulande vor allem über langfristige Lieferverträge gehandelt; auch kurzfristige Geschäfte können nur bilateral oder über Broker (Makler) abgeschlossen werden. Einen allgemein anerkannten Marktpreis für Erdgas gibt es daher – anders als etwa in Großbritannien – nicht. Durch den Handel an der Börse könnte sich das ändern.

Einen konkreten Zeitplan hat die EEX allerdings noch nicht ins Auge gefasst. „Das hängt maßgeblich davon ab, wie die Liberalisierung des Gasmarkts vorankommt“, sagt Menzel. Im Laufe dieses Jahres will die Bundesnetzagentur die Durchleitungsgebühren der Gasnetzbetreiber und den Netzzugang für neue Anbieter kontrollieren. Dadurch könnte der Wettbewerb und damit der Gashandel an Schwung gewinnen.

Neben Gas will die EEX künftig auch auf Steinkohle setzen. „Kohle wird mit Sicherheit eine Renaissance erleben“, sagt Menzel. Schon in den kommenden Tagen werde die EEX detaillierte Pläne für diesen Markt vorstellen. Gerade nach dem russisch-ukrainischen Gas-Streit hatten sich zahlreiche Politiker und Experten für eine stärkere Nutzung des Energieträgers Kohle ausgesprochen.

Auf dem Strommarkt, ihrem Kerngeschäft, war die EEX in den vergangenen Monaten stark in die Kritik geraten. Verbraucherverbände warfen der Energiebörse vor, dass sie Manipulationen ermögliche und damit eine Mitschuld an den steigenden Strompreisen trage. Dieser Darstellung widerspricht Menzel. „An der EEX handeln 132 Unternehmen, und fast alle sind täglich aktiv“, sagt er. „Es ist vollkommen ausgeschlossen, dass einzelne von ihnen Preisabsprachen treffen.“

In der Vergangenheit war dieser Verdacht immer wieder gegen die vier großen deutschen Stromkonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW geäußert worden. „Die anderen Marktteilnehmer lassen sich von diesen vier doch nicht den Preis diktieren“, erklärt Menzel. Die Handelsvolumina der vier Großen könne die EEX allerdings nicht veröffentlichen, weil das Börsengesetz die Anonymität der Handelsteilnehmer garantiere. Daneben betont Menzel, dass die EEX von zahlreichen Aufsichtsbehörden und von einem Börsenrat kontrolliert werde, in dem auch Verbrauchervertreter säßen. „Nie mussten sie einschreiten“, sagt er. Auch bei eigenen Prüfungen habe die EEX keinen Missbrauch festgestellt. Das Bundeskartellamt hatte allerdings eine Untersuchung eingeleitet, die derzeit noch läuft. Dabei prüft die Behörde, ob der Handel mit Kohlendioxid-Zertifikaten missbraucht worden ist, um dadurch höhere Strompreise zu rechtfertigen.

Menzel räumt jedoch ein, dass die EEX noch transparenter werden könnte. „Natürlich gibt es Verbesserungsmöglichkeiten“, sagt er. Als Beispiel sieht er die deutlich weiter gehenden Transparenzregeln in Skandinavien. „Der deutsche Gesetzgeber sollte sich aus dieser Frage aber raushalten“, fordert Menzel. „Wir brauchen eine europaweite Regelung.“ Ansonsten würde die deutschen Handelsteilnehmer gegenüber anderen europäischen Börsen benachteiligt.

In Europa ist die EEX, die ihren Sitz in Leipzig hat, die größte Energiebörse vor der Powernext in Paris und der APX in Amsterdam. Im vergangenen Jahr wurden hier rund 600 Terrawattstunden Strom gehandelt, davon 86 auf dem Spotmarkt für kurzfristige Geschäfte. Der größere Rest entfiel auf Termingeschäfte für die Zukunft. Insgesamt werden damit am Spotmarkt 16 Prozent des gesamten Stroms in Deutschland über die EEX gehandelt.

Damit begnügen möchte sich Menzel allerdings nicht. Vielmehr plant er eine Expansion über Deutschland hinaus. „Wir würden gerne noch weitere Handelsplätze aufmachen“, sagte er. „Dafür beobachten wir sehr genau die Entwicklung in allen europäischen Regionen.“ Technisch gesehen könnte die EEX schon in den kommenden Monaten 15 oder 20 Länder bedienen. Die Frage sei aber, ob es in diesen Ländern überhaupt einen freien Energiemarkt mit mehreren Anbietern und Abnehmern gebe.

Bereits abgeschlossen wurde ein Vertrag mit dem niederländischen Netzbetreiber Tennet, der die physische Durchleitung von an der EEX gehandeltem Strom garantiert. An ähnlichen Verträgen werde derzeit mit Belgien und mit Dänemark gearbeitet, langfristig seien auch Spanien und Portugal möglich.

Neue Standorte werde die EEX dafür allerdings nicht brauchen. „Das kann alles über unsere Computer in Leipzig laufen“, sagt Menzel. Auch an grenzüberschreitende Fusionen denke die EEX derzeit nicht. Zwar gebe es europaweit immer mehr Energiebörsen, so dass mit Zusammenschlüssen zu rechnen sei. „Wir selbst haben aber keine derartigen Pläne“, stellt Menzel klar.

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