Strombranche : Gegenwind für Großkraftwerke

Auf die Strombranche könnten in den kommen Jahren Veränderungen zukommen, die den Erschütterungen der Autoindustrie kaum nachstehen. Die vier großen Energieversorger planen in den kommenden Jahren neue Kapazitäten, um die auslaufenden Atomkraftwerke oder veraltete Ölkraftwerke zu ersetzen.

Heiko Schwarzburger

Berlin -  „Die Frage ist aber, ob man neue Kohlekraftwerke überhaupt noch braucht“, sagt Felix Matthes vom Öko-Institut in Darmstadt. „Die traditionellen Grundlastkraftwerke werden durch die Windkraft abgelöst. Was wir brauchen, sind schnell regelbare Kraftwerke, die sich dann zuschalten, wenn der Strom aus Wind und Sonne nicht ausreicht.“

Derzeit stehen in Deutschland 23 Gigawatt Stromleistung aus Windkraft bereit. Die Windgeneratoren decken bereits ein Viertel des deutschen Strombedarfs. „Bis 2020 werden es mindestens 45 Gigawatt sein“, rechnet Peter Ahmels vor, Netzexperte bei der Deutschen Umwelthilfe. Die Windkraftbranche rechnet sogar mit mehr als 60 Gigawatt. Hinzu kommen die großen Solarkraftwerke, wie sie beispielsweise im brandenburgischen Lieberose entstehen. Zudem gehen viele kleine, dezentrale Erzeuger ans Netz, die Energie aus Kraft-Wärme-Kopplung bereitstellen. Die Folge: Das regionale Monopol vieler Stadtwerke erodiert.

Hauptantrieb der Veränderung ist jedoch der Ausbau der Windkraft, mit den gigantischen Stromparks im Vorland der Küsten und auf offener See, wo bis 2020 allein mehr als zehn Gigawatt entstehen sollen. Dadurch kehrt sich die Geografie der Erzeugung um. Bisher sind die großen Kraftwerke im Westen und Süden Deutschlands konzentriert, wo die meisten Abnehmer sitzen. Der Windstrom kommt vor allem aus dem Osten und dem Norden. Deshalb muss das Hochspannungsnetz ausgebaut werden, um den Strom zu den Abnehmern zu bringen. „Das Netz ist der Flaschenhals, den wir weiten müssen“, sagt Felix Matthes. „Sonst gibt es keine ökologische Energiewende, und das ist keine Option.“

Neu aber ist der Verdrängungswettbewerb, der sich im Kraftwerksneubau abzeichnet. Denn übernehmen Wind und Sonne bis 2020 mehr als die Hälfte der Stromproduktion, können alle anderen Kraftwerke nur noch als Ausgleichskapazitäten dienen. „Sie müssen schnell regelbar sein, um innerhalb von Minuten vom oder ans Netz zu gehen“, erläutert Uwe Leprich von der Hochschule für Technik des Saarlandes. Einen Reaktor abzuschalten und wieder anzufahren, dauert Tage. Das kann man nicht beliebig oft wiederholen. Wie alle Großkraftwerke werden Atomkraftwerke auf 7500 Betriebsstunden im Jahr ausgelegt, um die Investitionen wieder einzuspielen.

Ähnlich sieht es bei Kraftwerken mit Braunkohle aus: Sie müssen erst mit Öl vorgeheizt werden, damit die Verbrennung in Gang kommt. Steinkohle lässt sich zwar schneller einsetzen, aber ein Spitzenlastkraftwerk mit diesem Brennstoff wäre ökologisch ein Problem – ganz gleich, ob sich ein Endlager für Kohlendioxid findet oder nicht. „Deshalb bleiben eigentlich nur Gaskraftwerke übrig“, urteilt Leprich.

An windstarken Tagen mit schwacher Stromnachfrage bricht der Preis an der Leipziger Börse zusammen, weil das Überangebot nicht mehr verkauft werden kann. Seit drei Jahren ist Deutschland Nettoexporteur von Strom. Alle Kapazitäten addiert, stehen derzeit etwa acht Gigawatt zu viel zur Verfügung. Ein Ausweg sind große Pumpspeicherwerke, die überschüssigen Strom nutzen, um Wasser in hoch gelegene Bassins zu fördern. Fordert das Netz zusätzliche Kapazitäten an, werden die Schleusen geöffnet und das Wasser treibt Turbinen. Gegenwärtig bauen RWE, Eon und EnBW im Alpenvorland Speicher aus.

Und das norwegisch-schweizerische Konsortium Norger KS will Norwegen über ein 570 Kilometer langes Kabel bis 2014 an das deutsche Netz anschließen. Eine Milliarde Euro werden in das Unterseekabel investiert, das überschüssigen Windstrom aus Deutschland ableiten und bei Bedarf günstigen Strom aus Norwegens Wasserkraft nach Deutschland bringen soll. Es hat eine Kapazität von 1400 Megawatt. Das entspricht einem großen Atomkraftwerk oder Kraftwerk mit Braunkohle, dessen Bau damit überflüssig wäre.Heiko Schwarzburger

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