Wirtschaft : Stromkonzern Vattenfall droht Streik im Osten

Arbeitnehmer fordern Anhebung der Löhne auf Westniveau – Konzernchef Rauscher warnt vor den wirtschaftlichen Folgen

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Berlin (fo). Dem drittgrößten deutschen Energiekonzern Vattenfall Europe droht ein Streik. Bei einer Urabstimmung stimmten 97 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder für einen Arbeitskampf, teilte am Freitag die Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) mit. Hintergrund ist die Forderung der Beschäftigten, die Einkommensschere zwischen Ost und West innerhalb des Konzerns zu schließen. Rund ein Viertel der VattenfallBelegschaft arbeitet in Ostdeutschland. IG BCE-Landesbezirksleiter Hans-Jürgen Schmidt wollte nicht ausschließen, dass es schon in der kommenden Woche Streiks gibt. Es gebe allerdings Signale für eine Wiederaufnahme der Gespräche, sagte Schmidt.

Vattenfall-Europe-Chef Klaus Rauscher warnte vor einem Arbeitskampf. „Die Gewerkschaften sollten die wirtschaftliche Situation des Unternehmens nicht überstrapazieren.“ Denn Vattenfall hat im Geschäftsjahr 2003 Verlust gemacht – jedenfalls nach deutschen Bilanzierungsregeln. Genaue Zahlen gibt es noch nicht. Aber die Tochter des schwedischen Energiekonzerns teilte mit, „dass der Konzernabschluss für 2003 wohl negativ ausfällt“. Nach schwedischen Bilanzregeln wird Vattenfall Europe dagegen einen operativen Gewinn von mehr als 570 Millionen Euro ausweisen.

Volker Stüber von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wirft Vattenfalls den „Griff in die Trickkiste“ vor. Die Arbeitnehmer ließen sich bei ihren Forderungen nicht in die Irre führen. Denn normalerweise argumentiere der Unternehmensvorstand mit den Zahlen nach schwedischen Regeln. Nur jetzt, wo ein Arbeitskampf drohe, sei von Verlusten nach deutschen HGB-Regeln die Rede. Stüber wertet das als „leicht durchschaubaren Versuch, die Gewerkschaften unter Druck zu setzen“.

Vattenfall ist durch den Zusammenschluss der Stromversorger Bewag und Veag aus Berlin, HEW aus Hamburg und dem Braunkohleunternehmen Laubag entstanden. Bezahlt wird deshalb nach unterschiedlichen Tarifen. Es gibt Betriebe in Ost und West aber auch unterschiedliche Tarife, die mit der IG BCE, Verdi oder der IG Metall abgeschlossen wurden. Jetzt geht es vor allem darum die Löhne der rund 4500 Beschäftigten im Osten an das West-Niveau anzugleichen. Im Durchschnitt liegen die Vergütungen der von der Urabstimmung betroffenen Bereiche bei 85 Prozent des Westniveaus, berichtet die IG BCE. Die Arbeitgeber hatten eine Einkommenserhöhung von drei Prozent ab 2004 und nochmals von zwei Prozent ab Mitte 2005 angeboten. Die Verhandlungen zwischen den Tarifparteien waren am 22. Januar ohne Ergebnis beendet worden.

Wie stark der Gewinn nach deutscher HGB-Rechnung im vergangenen Geschäftsjahr eingebrochen ist, wollte ein Vattenfall-Sprecher am Freitag nicht beziffern. Für 2002 wies die deutsche Holding des Stromkonzerns noch 610 Millionen Euro Jahresüberschuss aus – trotz fusionsbedingter Sonderbelastungen. 2003 scheint der Ausgleich nicht gelungen. Der Unternehmenssprecher begründete den Absturz im Wesentlichen mit Sonderbelastungen durch Personalabbau, Abschreibungen und Zusatzkosten im Zuge der Fusion. Für 2002 hatte der Vorstand die Sondereinflüsse mit 600 Millionen Euro beziffert. Die Ergebnisse der gesamten Vattenfall-Gruppe werden am 19. Februar in Stockholm bekannt gegeben, die von Vattenfall Europe erst am 12. Mai in Berlin.

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