Stromkonzerne : In der Defensive

Der Stromausfall in Teilen Westeuropas hat eine Grundsatzdebatte über zentrale Ursachen und Konsequenzen des Zwischenfalls entfacht. Die Energiekonzerne stehen dabei im Zentrum der Kritik.

Berlin/Brüssel - Wie konnten fast zehn Millionen Haushalte in Westeuropa von der Stromversorgung getrennt werden? Diese Frage beschäftigte heute Wirtschaft und Politik in Deutschland und Europa. Die Betreiber von Windenergieanlagen wiesen Vorwürfe zurück, sie trügen durch überhöhte Einspeisungen eine Mitschuld an der Kettenreaktion nach Abschaltung einer Höchstspannungsleitung im Emsland. Zugleich erinnerte die Bundesregierung die Netzbetreiber nachdrücklich an deren Verpflichtung, leistungsfähige Netze bereitzustellen. Der Energiekonzern Eon bekräftigte, die Netze seien in gutem Zustand. Die EU-Kommission machte sich für eine gemeinsame europäische Netz-Verwaltung stark.

Bundesumweltminister Siegmar Gabriel (SPD) erinnerte im NDR daran, dass Regierung und Bundestag mit den Versorgern eine Vereinbarung über den Ausbau von immerhin 850 Kilometern Übertragungsnetzen getroffen habe. Darüber hinaus sei ein Gesetz beschlossen worden, das die Beschleunigung dieses Ausbaus ermöglichen solle. "Nun müssen aber auch die Versorger mit den Investitionen kommen", mahnte Gabriel. Umweltstaatssekretär Michael Müller (SPD) forderte in der "Passauer Neuen Presse" von den Energiekonzernen "einen detaillierten Gesamtbericht" über die nationale Leistungsfähigkeit der Netze. Eon-Energie-Vorstand Klaus-Dieter Maubach wies Vorwürfe zurück, die Konzerne investierten nicht genug in die Stromnetze. "Die Netze sind in einem guten Zustand", sagte Maubach im ZDF.

Verwaltung auf EU-Ebene

Skeptisch äußerte sich Gabriel zur Forderung des italienischen Regierungschefs Romano Prodi nach einer gesamteuropäischen Energiebehörde. "Was wir auf jeden Fall brauchen, ist eine Abstimmung der Aufsichtsbehörden", sagte Gabriel. "Ich glaube nicht, dass wir eine neue Behörde brauchen." EU-Energiekommissar Andris Piebalgs will nach Angaben eines Sprechers im Januar Vorschläge vorlegen, nach denen künftig europaweit geltende Vorschriften zur Netzsicherheit erlassen werden könnten. "Wir haben ein europäisches Netz - und das muss auch auf EU-Ebene verwaltet werden", sagte der Sprecher in Brüssel.

Von dem Stromausfall am Samstagabend waren rund zehn Millionen Menschen in Westeuropa betroffen. Als Mitauslöser gilt nach Einschätzung des Stromkonzerns Eon die Abschaltung einer Höchstspannungsleitung über die Ems für die Durchfahrt des Kreuzfahrtschiffes "Norwegian Pearl". Die Fahrt des Schiffs von der Papenburger Meyer Werft zur Nordsee war gestoppt worden. Die "Norwegian Pearl" sollte nun am frühen Montagabend erneut Richtung Emshaven aufbrechen. Eon bezweifelt allerdings, dass die Abschaltung der Leitung allein für den Stromausfall verantwortlich war.

Windkraft habe Netz stabilisiert

Die Betreiber von Windkraftanlagen nannten den Vorwurf einer Mitschuld an dem Stromausfall "nicht nachvollziehbar". Vielmehr hätten die Windenergieanlagen in Deutschland bei der Netzstörung "wie vorgesehen zur Stabilisierung des Stromnetzes beigetragen", unterstrich der Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE), Peter Ahmels. Zuvor hatte der Chef des Berliner Energieforschungsinstituts EEFA, Bernhard Hillebrand, für die Zukunft häufigere Stromausfälle vorhergesagt. "Vor allem wegen der unkoordinierten, stetig zunehmenden Einspeisung regenerativer Energien ins Netz sind häufigere Stromausfälle nicht auszuschließen", sagte Hillebrand der "Rheinischen Post".

Die Reservekapazitäten der Stromversorger in Europa befinden sich derweil einer Untersuchung der IT-Beratung Capgemini zufolge auf einem kritischen Niveau. Im vergangenen Jahr und im Frühjahr diesen Jahres habe die durchschnittliche Reserve zwischen Stromangebot und -nachfrage bei Verbrauchsspitzen bei 4,8 Prozent gelegen. Dies sei ein Prozentpunkt weniger als im Jahr 2004 gewesen. Mit dem geringen Puffer steige auch die Gefahr von Stromausfällen und Stromschwankungen. (tso/AFP)

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