Wirtschaft : Strommarkt: Der Strom kommt aus der Steckdose (Kommentar)

Rainer Hank

Kommt der Strom in Berlin jetzt aus Schweden? Nein. Oder genauer: Nicht sofort. Denn der Strom kommt bekanntlich aus der Steckdose. Seit der Liberalisierung der Energiemärkte ist dieser Ausspruch nicht mehr so albern, wie er klingt. Denn die Netze sind zur Durchleitung der Konkurrenz geöffnet und der Kunde hat die Wahl zwischen Stromanbietern - ganz so, wie er zwischen Käse, Büchern oder Schlafzimmerschränken wählt. Schon heute ist niemand gezwungen, Bewag-Strom zu kaufen, wenn er seine Energie irgendwo anders billiger oder ökologisch besser findet. Wem die Bewag-Übernahme durch HEW nicht passt, der soll seinen Strom-Händler wechseln.

Niemand hat das Tempo vorausgesehen, mit dem die Liberalisierung des Stroms in Europa sich Bahn brach. Viel rascher als vorgeschrieben, haben die EU-Mitgliedstaaten ihre Märkte geöffnet: 65 Prozent des Stromvolumens sind heute schon frei gegeben. Nach einer EU-Richtlinie von 1996 müssten es erst 28 Prozent sein. Das passt ganz und gar nicht in das gängige Bild der Langsamkeit, welches das europäische Reformszenario ansonsten prägt. Nicht weniger überraschend ist, dass die Deutschen zusammen mit den nordischen Ländern - Schweden und Finnland - die Treiber sind, während die romanischen Länder sich eher zieren. Dem Kunden hierzulande kann das nur recht sein; bis zu 20 Prozent billiger ist der Strom heute schon im Jahresvergleich.

Was dem Kunden recht ist, ist den Beschäftigten noch lange nicht billig. Angesichts der Überkapazitäten des Energiemarktes sind die Befürchtungen der Bewag-Beschäftigten nicht aus der Luft gegriffen. Noch weiß niemand, wie der Rechtsstreit zwischen Southern Energy und HEW ausgehen wird. Sollte HEW sich durchsetzen, ist nicht klar, an welchen Orten die Stromerzeugung zurückgefahren wird. Aber denkbar ist, dass der HEW-Mehrheitsaktionär Vattenfall auch seinen schwedischen Atomstrom nach Berlin durchleitet. Dann käme der Berliner Strom wirklich aus Schweden - zumindest für die Bewag-Kunden.

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