Wirtschaft : Strompreise steigen zu Jahresbeginn

Wechsel zum Billiganbieter lohnt kaum noch / Experten sagen weiter steigende Tarife voraus

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Berlin (fo). Im neuen Jahr erwartet die Verbraucher teilweise drastisch steigende Stromrechnungen. Nach den Ermittlungen des Servicedienstes Stromtip haben einige Unternehmen Preiserhöhungen bis zu 15 Prozent angekündigt. Betroffen sind nicht nur Kunden der traditionellen Versorger wie RWE oder Eon. Vor allem die so genannten Billiganbieter heben zum Jahreswechsel kräftig die Preise an und ziehen mit den Tarifen der klassischen Versorger wie der Bewag in Berlin gleich. „Damit lohnt es sich fast gar nicht mehr den Anbieter zu wechseln“, sagt StromtipExperte Stephan Scherfenberg.

Auch Wissenschaftler rechnen fest damit, dass die Preise für Strom kräftig anziehen werden. Nach Einschätzung von Dieter Schmitt, Leiter des Lehrstuhls für Energiewirtschaft an der Universität Essen, „werden die Preise noch so lange steigen, bis es sich für die Unternehmen wieder lohnt, Kraftwerke zu bauen“. Nach der Liberalisierung des Energiemarktes vor fünf Jahren seien die Marktpreise für Strom so stark eingebrochen, dass nach Abzug der Kosten nichts mehr übrig geblieben sei, um damit neue Kraftwerke zu finanzieren.

Noch heute, wo die Durchschnittsbelastung eines Musterhaushalts (siehe Grafik) fast wieder das Niveau von 1998 erreicht hat, liegen die Erlöse der Stromversorger laut Schmitt 15 Prozent unter dem betriebswirtschaftlich notwendigen Niveau. Kräftig gestiegen sind inzwischen die Belastungen durch Steuern und Abgaben. Die haben inzwischen mehr als 40 Prozent des Rechnungsbetrages erreicht. Vor fünf Jahren waren es gerade 22 Prozent.

In den ersten Jahren nach der Liberalisierung profitierten die Stromkunden davon, dass es mehr Kraftwerke gab als Strom verkauft werden konnte. Überschüssige Mengen wurden zu Tiefstpreisen an die neuen Billigstromanbieter abgegeben. Damit ist es jetzt vorbei. Die Überkapazitäten sind weitgehend abgebaut. Gerade erst nahm Eon das Kernkraftwerk Stade vorzeitig vom Netz. Nach dem Atomkonsens zwischen Regierung und Industrie hätte das Kraftwerk sogar noch ein Jahr laufen können.

Seit dem Frühjahr steigen die Preise für Strom in Deutschland drastisch: Im Großhandel müssen seit April etwa 20 Prozent mehr bezahlt werden. Tendenz weiter steigend. Kräftig angehoben hat der trockene Sommer das Preisniveau – Atomkraftwerke mussten gedrosselt werden, Wasserkraftwerke fielen zum Teil komplett aus. Trotzdem rechnen sich Kraftwerksneubauten immer noch nicht, sagt der Energiewissenschaftler Schmitt. Das Strompreisniveau liege zehn bis 15 Prozent unterhalb der betriebswirtschaftlichen Schmerzgrenze. In Hürth bei Köln und in Lubmin sind beispielsweise zwei große Erdgaskraftwerke geplant, aber die Investoren zögern laut Schmitt den Baubeginn immer weiter hinaus.

Kohlepreise explodieren

Schmitt hat noch einen weiteren Grund für steigende Preise ausgemacht: Die Rohstoffkosten. Allein der Preis für eine Tonne Importsteinkohle sei in den letzten Monaten von 38 Euro auf 45 Euro gestiegen. Vor allem der Transport über die Meere hat sich wegen knapper Schiffskapazitäten stark verteuert. Diesen Effekt haben auch schon die Importeure anderer Produkte in Deutschland schmerzhaft zu spüren bekommen. Die Stadtwerke Flensburg etwa, die ihren Strom mit einem Kohlekraftwerk erzeugen, beklagen Preissteigerungen von sogar 75 Prozent im Laufe des Jahres. Neben anderen Kostenbelastungen muss das als Anlass für Preiserhöhungen von acht Prozent herhalten.

Einen vollständigen Überblick darüber, welche Anbieter in den nächsten Monaten anheben werden, kann der Internetdienstleister Stromtip erst Anfang Dezember geben. Denn bis dahin müssten Erhöhungen per 1. Januar den Kunden mitgeteilt worden sein. Zur Zeit halten sich viele Unternehmen noch bedeckt. Sie haben höhere Tarife zwar beantragt, wissen aber noch nicht, ob die zuständigen Länderbehörden das genehmigen werden. Bei der Bewag heißt es lediglich, „Zum Jahresbeginn sind keine höheren Tarife geplant.“ Ihre Billigtochter Best Energy stellt die Bewag jedenfalls schon mal ein. Damit verschwindet der zweitgrößte deutsche Preisbrecher mit rund 200 000 Kunden vom Markt. Für den Stromtip-Experten Scherfenberg ist das keine Überraschung. Sein Fazit: „Die Liberalisierung des Strommarktes ist mehr oder weniger gescheitert.“

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