Wirtschaft : Stromwirtschaft verspricht sinkende Preise

Privathaushalte haben noch nicht vom Wettbewerb profitiert / Branche beklagt Auflagen der Politik BONN (AFP).Die deutsche Stromwirtschaft hat angesichts der Öffnung des Strommarktes mehr Beistand aus der Politik gefordert, den Kunden in Industrie und Privathaushalten aber zugleich Preissenkungen in Aussicht gestellt.Der seit Ende April herrschende freie Wettbewerb verlange einen beispiellosen Kraftakt von den Versorgern, sagte der Präsident der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW), Heinz Klinger, am Montag in Bonn.Die Marktöffnung in Deutschland gehe weit über die EU-Vorgaben hinaus.Klinger bekräftigte die Forderung seiner Branche nach Abbau der "Wettbewerbs-Handicaps" Fusionskontrolle, Preisaufsicht und hohe Umweltschutz-Auflagen, um im "rauhen Wind" bestehen zu können.Die Marktöffnung habe bei Großkunden bereits zu "dramatischen" Preisnachlässen geführt; mittelfristig könnten auch Tarifkunden sinkende Strompreise erwarten.Laut Klinger hat in allen Unternehmensbereichen der Branche ein Umdenken hin zu Kostenorientierung, Kundenfreundlichkeit und Service eingesetzt.Der Strompreis sei für die Kunden zwar der entscheidende Parameter, da die Preisunterschiede aber auf kurz oder lang verschwinden dürften, komme es künftig verstärkt auf die Dienstleistungen eines Unternehmens an.Nach Angaben des VDEW-Chefs sind Fusionen und Kooperationen in der Branche bereits in vollem Gange und würden begleitet von Stellenabbau.Gleichzeitig entstünden bei neuen Marktteilnehmern und auf längere Sicht auch durch neue Berufsbilder wie Strommakler, Energieberater und Energiedienstleister neue Arbeitsplätze.Auch die Kundenseite ist laut Klinger durch die Deregulierung in Bewegung geraten."Kettenkunden" wie große Unternehmen mit Niederlassungen im ganzen Bundesgebiet wollten nicht mehr wie bisher mit zahlreichen Einzelversorgern zusammenarbeiten, sondern nur noch mit einem Stromunternehmen, das dann entsprechende Rabatte einräumt.Zu erwarten seien auch Einkaufsgemeinschaften beispielsweise in Hochhaussiedlungen.Klinger räumte ein, daß Privatkunden derzeit noch kaum Möglichkeiten haben, direkt vom Wettbewerb zu profitieren.Wer seinen Strom statt vom bisherigen Gebietsmonopolisten von einem anderen Erzeuger beziehen will, braucht einen tageszeitabhängigen Zähler, da Strom zu verschiedenen Tageszeiten unterschiedlich viel kostet.Die gängigen Stromzähler in den Haushalten sind indessen reine Mengenzähler; die aufwendigere Version kostet mindestens 1000 DM.Grundlage des Wettbewerbs auf dem Strommarkt nach Jahrzehnten der Monopolwirtschaft ist das neue deutsche Energiewirtschaftsrecht, das am 29.April nach zähem parlamentarischen Ringen in Kraft trat.Kernstück der Novelle ist, daß künftig jeder frei bestimmen kann, von wem er seinen Strom bezieht.Unternehmen wie die RWE, PreussenElektra oder das Bayernwerk müssen ihre bisherigen Gebietsmonopole aufgeben, die Netze öffnen und Konkurrenzstrom durchleiten.Allerdings fehlt eine behördliche Aufsicht nach dem Vorbild des Telekommunikationsmarktes; so werden die Durchleitungstarife - Herzstück des Wettbewerbs - nicht von einer Regulierungsinstanz vorgebeben, sondern von den Verbänden der Stromwirtschaft selbst.Der Präsident des Bundeskartellamts, Dieter Wolf, äußerte sich unterdessen skeptisch über die Reform des Energierechts.Statt die rasche und umfassende Marktöffnung zu realisieren, stecke die Novelle voller Kompromisse, sagte Wolf gegenüber der "Süddeutschen Zeitung".Als besonders nachteilig bewertete er den fehlenden allgemeinen Sofortvollzug bei den Netzzugängen.Falls Netzinhaber den Transport von leitungsgebundener Energie verwehrten, könnten sie gegen eine Verfügung des Kartellamtes mit aufschiebender Wirkung klagen und die endgültige, gerichtliche Klärung um bis zu fünf Jahren verzögern.Damit werde die Konkurrenz im Energiebereich, anders als bei der Telekommunikation, erheblich beeinträchtigt, kritisierte Wolf.

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