Wirtschaft : Strukturwandel: Eine Stadt im Datenstau

Christopher Rhoads

Der Bürgermeister der brandenburgischen Stadt Forst räumte im Dezember ein, dass das neu gebaute Call Center nicht 80 Arbeitsplätze schaffen würde, wie er früher versprochen hatte. Die einheimischen Arbeitskräfte - von denen 19 Prozent arbeitslos sind - seien nicht qualifiziert genug, begründete Bürgermeister Gerhard Reinfeld. Der Brandenburger Landtagsabgeordnete Dietmar Woidke war sprachlos: "Wenn unsere Leute schon für ein Call Center nicht qualifiziert genug sind, welches Unternehmen wollen Sie dann nach Forst holen?"

Das zwei Millionen teure Projekt sollte den Strukturwandel in der brandenburgischen Stadt vorantreiben, deren subventionierte Textilindustrie vor zehn Jahren mit dem Fall der Berliner Mauer verschwand. Das Projekt werde die dringend gebrauchten Arbeitsplätze und Investitionen nach sich ziehen, hatten die Stadtväter versprochen. Doch das ist nicht passiert. "Es dauert länger, als ich gedacht hatte", räumt Bürgermeister Reinfeld ein. Das Call Center mit den 24 neuen Computern und Telefonen steht leer, und die Arbeitslosigkeit ist weiter hoch. Dem Gesamtprojekt habe es an einer konkreten Ausrichtung gefehlt, kritisiert Dietmar Woidke. Das Geld hätte besser in die Ausbildung der Arbeitskräfte investiert werden sollen. Dass dies notwendiger sei, hätten die Probleme mit dem Call Center nun gezeigt.

Mit ihren Problemen ist die 25 000 Einwohner zählende Stadt an der polnischen Grenze kein Einzelfall. Wie die so genannte "digitale Kluft" zwischen Internet-Nutzern und den vom Netz Ausgegrenzten, zwischen Arm und Reich, geschlossen werden kann, ist das Thema auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos. Entwicklungsländer wie China und Brasilien stecken Millionen Dollar in Projekte, um ihre Volkswirtschaft auf den neuesten Stand zu bringen. Gleichzeitig wächst die Unterstützung von Industrieländern. Aber wie kann man diese gute Absichten in Wirtschaftswachstum umsetzen? Und ist das überhaupt möglich? Experten meinen, das Internet und andere neue Technologien sollten als Mittel zur Verbesserung bestehender Wirtschaftsaktivitäten angesehen werden, und nicht dazu, neue zu schaffen.

Doch Forst hatte höhere Erwartungen. Und diese machen nun Bürgermeister Reinfeld und den Unterstützern des Projektes zu schaffen. Als er im Dezember nach dem Nutzen des Projektes gefragt wurde, verwies der Bürgermeister auf das "positive Image" für die Stadt. Woidke nannte das Augenwischerei und wollte genau wissen, wie die Investition in Höhe von zehn Millionen Mark ausgegeben wurde. Bislang sind die Ergebnisse sehr mager: Die Kabelservicegesellschaft Funk & Technik GmbH, die Hochgeschwindigkeitskabelmodems installiert, hat mehr als ein Drittel der 11 000 Haushalte mit der nötigen Breitbandtechnik ausgestattet. Doch nur 30 haben den Dienst tatsächlich in Anspruch genommen, um Zugang zum Internet zu erlangen. Das Unternehmen führt die geringe Nachfrage auf fehlerhafte Modems zurück und versucht, sein Geld zurückzubekommen.

Der Internet-Marktplatz für E-Commerce zwischen Unternehmen ist bisher kaum mehr als eine Liste von Unternehmensadressen. Aus Angst vor Konkurrenten wollten die Unternehmen auf der Web-Site keine Preise angeben. Dem Unternehmen Pronet GmbH, das Sensoren für die Brandfrüh-erkennung in Wäldern herstellt, gelingt es nicht, das Produkt über die Testphase hinauszubringen. Darum hat sich mit dem Land Brandenburg der größte Kunde entschieden, in den kommenden Wochen in ein anderes Wald-Monitoring-System zu investieren. "Wir haben ihnen eine Chance gegeben, aber ich denke, dass sie uns in den nächsten zwei Jahren nichts anbieten können", sagt Thomas Erlemeier, Forstmeister im brandenburgischen Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt.

Die Skepsis ist groß. Die Einwohner von Forst warten seit zehn Jahren darauf, dass andere Wirtschaftsbranchen die zusammengebrochene Textilindustrie ersetzen, die einst 75 Prozent der arbeitenden Bevölkerung beschäftigt hat. Mehr als zehn riesige Fabriken stehen leer und verfallen. Die Telefonleitungen in Forst waren nach der Wende so altersschwach - zehn Prozent der Haushalte hatten überhaupt ein Telefon -, dass die Deutsche Telekom die Stadt Forst für ein Pilotprojekt auswählte. Nachdem Forst 1995 seine neuen Glasfaserkabel erhalten hatte, dachten Politiker und Telekom gemeinsam über eine sinnvolle Nutzung der Infrastruktur nach. "Wir wollten Forst auf die Datenautobahn bringen und es zu einem Investitionsstandort machen", sagt Klaus Rüffer, der kürzlich in Pension gegangene frühere Chef der Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft und Leiter des Projektes.

So plante man unter anderem, das Ortskrankenhaus über das Web mit anderen Krankenhäusern zu verbinden und ein Zentrum zu errichten, in dem ortsansässige Bauunternehmen den Einsatz neuer Technologien lernen konnten. Diese und weitere Untervorhaben - insgesamt waren es elf - fassten die Projektträger unter der Überschrift "Telecity Forst" zusammen und planten, das ehrgeizige Vorhaben der Welt auf der Expo in Hannover zu zeigen.

Heute, drei Monate nach dem Ende der Weltausstellung, ist die Begeisterung in der Stadt abgeflaut. Die Forster Webwaren GmbH, eines der beiden übrig gebliebenen Textilunternehmen, hat über seine Website nur fünf neue Kunden gewonnen. "Für uns ist aus dem Internet oder dem Telecity Projekt nichts herausgesprungen", heißt es beim Unternehmen. "Wir haben wirtschaftlich nicht davon profitiert."

Viele in Forst sind weit davon entfernt, an die New Economy zu glauben. Die frühere, 35-jährige Grundschullehrerin Ute Jahn ist eine davon. Sie war eineinhalb Jahre arbeitslos, als sie erfuhr, dass bald ein Call Center eröffnet werden sollte. Sie nahm 1999 an einem dreimonatigen Qualifizierungskurs teil. Auf diese Weise hat die Cottbuser High-Tech-Agentur Pro Motion AG rund 120 Menschen für ihre beiden Call Center in Cottbus und Forst ausgebildet. Doch die Ergebnisse seien weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben, sagt Hans-Jürgen Friedrich, Vorstandschef von Pro Motion. "Wir stellten fest, dass die Arbeit für einige zu anspruchsvoll war", sagt er. Schlimmer noch, dass fast 20 der besten Absolventen der Umschulung die Stadt verließen und ihre neuen Kenntnisse in den Westen mitnahmen.

Ute Jahn wurde keine Stelle angeboten. Trotzdem ist sie nicht verbittert. "Der Kurs hat mich selbstbewusster gemacht", sagt sie. Außerdem hat sie einen anderen Job gefunden: im Textilmuseum.

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