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Studie der Böckler-Stiftung : Deutscher Mindestlohn niedriger als bei westlichen Nachbarn

Die gesetzlichen Mindestlöhne in der EU sind einer Studie zufolge zuletzt im Durchschnitt kräftig gestiegen.

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Eine Gebäudereinigerin arbeitet für den Mindestlohn in Schwerin.
Eine Gebäudereinigerin arbeitet für den Mindestlohn in Schwerin.Foto: Jens Büttne/dpa

Die Mindestlöhne in Europa sind zuletzt merklich gestiegen. 21 der insgesamt 22 EU-Staaten, die über eine allgemeine gesetzliche Lohnuntergrenze verfügen, haben diese zum 1. Januar 2017 oder schon im Verlauf des vergangenen Jahres angehoben. Das geht aus dem neuen Mindestlohnbericht der Hans- Böckler-Stiftung des DGB hervor. Nur in Griechenland gab es wegen der Vorgaben der Kreditgeber keine Erhöhung.

Die nominalen Mindestlohnanhebungen waren die stärksten seit zehn Jahren. Da gleichzeitig die Preise kaum stiegen, legten die Mindestlöhne in den meisten EU-Ländern auch real deutlich zu – und die Menschen hatten mehr Geld im Portemonnaie. Nachdem die Sparpolitik in vielen EU-Staaten in den Jahren nach der Finanzkrise Lohnerhöhungen blockierte, habe sich „der Trend hin zu einer dynamischeren Mindestlohnentwicklung noch einmal beschleunigt“, erklärte der Tarifexperte Thorsten Schulten vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Stiftung. Trotzdem sei der Mindestlohn gemessen am mittleren Lohnniveau in vielen Ländern nach wie vor niedrig.

1,42 Euro in Bulgarien, 11,27 Euro in Luxemburg

Hierzulande wurde der Mindestlohn zu Jahresbeginn von 8,50 auf 8,84 Euro je Stunde angehoben. Er liegt damit zum Teil deutlich unter der Lohnuntergrenze anderer westeuropäischer Staaten, die mindestens 9,25 Euro Stundenlohn vorsehen (Irland), in Luxemburg sind es sogar 11,27 Euro. Der Mindestlohn in Großbritannien liegt in Euro umgerechnet mit 8,79 Euro zwar noch unter dem deutschen Niveau, das erklärt Schulten aber mit der Abwertung des britischen Pfunds nach der Brexit-Entscheidung. Alles in allem rangiere Deutschland „im internationalen Mittelfeld“.

Die südeuropäischen EU-Staaten haben Lohnuntergrenzen zwischen 3,35 Euro in Griechenland und 4,29 Euro in Spanien. Etwas darüber liegt mit 4,65 Euro Slowenien. In den meisten anderen mittel- und osteuropäischen Staaten sind die Mindestlöhne noch deutlich niedriger, wenngleich sie aufgeholt haben. So müssen beispielsweise in Polen mindestens 2,65 Euro pro Stunde bezahlt werden. Außerdem spiegeln die Niveauunterschiede zum Teil auch die unterschiedlichen Lebenshaltungskosten wider.

80 Staaten mit einer Lohnuntergrenze weltweit

Nominal legten die Mindestlöhne 2016 im Durchschnitt der EU-Länder um fünf Prozent zu gegenüber drei Prozent 2015. Auch hier gab es erhebliche Unterschiede. In West- und Südeuropa reichten die Anhebungen von 0,9 Prozent in Frankreich über zwei Prozent in Belgien und vier Prozent in Deutschland bis zu 7,5 Prozent in Großbritannien und 8,1 Prozent in Spanien. In Osteuropa stiegen die Mindestlöhne überall um mindestens fünf Prozent. In Polen, Tschechien, den meisten baltischen Staaten, Bulgarien, Ungarn und Rumänien ging es sogar um 8,1 bis 19 Prozent (Rumänien).

Außerhalb der Europäischen Union verfügen nach Daten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) rund 80 weitere Staaten über eine allgemeine Untergrenze für Löhne. Exemplarisch betrachtet das WSI die Mindestlöhne in 15 Ländern: Sie reichen von umgerechnet 56 Cent in Moldawien und 1,10 Euro in Brasilien über 6,55 Euro in den USA bis zu 9,60 Euro in Neuseeland und 11,89 Euro in Australien. Insbesondere in den USA gibt es neben dem nationalen Mindestlohn aber weitere Untergrenzen, die auf der Ebene einzelner Bundesstaaten bindend sind.

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