Wirtschaft : Studie: Deutsche Löhne nicht zu hoch

Gewerkschaftsnahes IMK-Institut sieht Deutschland im europäischen Mittelfeld / IW widerspricht

Miriam Schröder

Berlin - Arbeit ist in Deutschland nicht teurer als in den meisten westlichen EU-Staaten. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Die Lohnkosten seien kein Wettbewerbsnachteil für Deutschland und könnten nicht als zentrale Begründung für die hohe Arbeitslosigkeit gelten, so das Fazit von IMK-Direktor Gustav Horn, der die Studie am Mittwoch in Berlin präsentierte.

Wirtschaftsvertreter bezweifelten Horns Interpretation. „Ich weiß nicht, wie man die selbst gerechneten Daten so ignorieren kann“, sagte Michael Hüther, Chef des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), dem Tagesspiegel. Deutschland habe nach wie vor ein Arbeitskostenproblem und dadurch erhebliche Nachteile im internationalen Wettbewerb.

Der IMK-Studie zufolge kostet eine Stunde Arbeit in Deutschland durchschnittlich 26 Euro. Dänemark, Schweden und Belgien kommen auf 30 Euro. Deutlich günstiger sind die Arbeitskosten nach wie vor in Osteuropa und in den südlichen EU-Ländern. Auch Österreich und Großbritannien liegen knapp unter dem deutschen Durchschnitt. Zu den Arbeitskosten zählt das IMK neben Löhnen und Gehältern auch die Anteile der Arbeitgeber an den Sozialbeiträgen sowie Steuern, die als Arbeitskosten gelten. Möglich wurde der Vergleich durch ein neues Datenerhebungsverfahren der europäischen Statistikbehörde Eurostat .

„Eine deutsche Spitzenstellung bei den Arbeitskosten, wie sie bisweilen behauptet wird, ist nicht zu erkennen. Deutschland liegt vielmehr in einem Feld mit seinen wichtigsten Handelspartnern und Konkurrenten“, sagte IMK-Direktor Horn. Damit könnten die Lohnkosten auch nicht der Hauptgrund für die hohe Arbeitslosigkeit sein. Allerdings zeige die Studie deutliche Unterschiede zwischen den Arbeitskosten in der Industrie und im privaten Dienstleistungssektor.

Im Verarbeitenden Gewerbe liegt Deutschland mit fast 30 Euro pro Arbeitsstunde auf Platz zwei der europäischen Rangliste. Teurer ist Industriearbeit nur noch in Belgien. Deutsche Dienstleistungen hingegen liegen mit 24 Euro pro Stunde knapp unter dem westeuropäischen Durchschnitt. Spitzenreiter sind Dänemark und Luxemburg mit 31 Euro. Am billigsten sind Dienstleistungen mit 4,90 Euro pro Arbeitsstunde in Polen.

Die Unterschiede zwischen Industrielöhnen und Dienstleistungsgewerbe erklärte Wirtschaftsforscher Gustav Horn mit der flauen Binnennachfrage in Deutschland: Weil die Deutschen zu wenig konsumierten, würden Dienstleister – vom Verkäufer bis zum Friseur – schlechter bezahlt. Die schwache Binnennachfrage wiederum sei das Ergebnis jahrelanger Lohnzurückhaltung in Deutschland. Die Produktivität sei in den vergangenen zehn Jahren hier zu Lande viel stärker gestiegen als die Löhne der Beschäftigten. Diese seien deshalb nicht zu hoch, sondern zu niedrig, schlussfolgerte Horn: „Es gibt keinen Grund für niedrigere Lohnzuwächse in der deutschen Industrie als in den Nachbarländern. Und in den Dienstleistungszweigen besteht sehr wohl ein Rückstand bei den Löhnen“, sagte der IMK-Chef.

Ganz andere Schlüsse zog IW-Chef Hüther aus der IMK-Studie. „Bei den Lohnkosten in der Industrie sind wir ganz weit vorne in Europa. Und das ist der Sektor, der im internationalen Wettbewerb steht“, sagte Hüther dem Tagesspiegel. Zwar profitiere auch die Exportindustrie von günstigen Dienstleistungen in Deutschland. Die tatsächlichen Arbeitskosten setzten sich daher zusammen aus den Kosten für Industriearbeit und für solche Dienstleistungen, die von der Industrie beansprucht werden. Auch diese so genannten „Verbundkosten“ hat das IMK errechnet und verglichen: Hier liegt Deutschland auf Platz drei.

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