Wirtschaft : Suche nach dem Siegel

Verwirrung um Ökostrom: Umwelt- und Verbraucherschützer fordern ein einheitliches Label

Simon Poelchau
Nichts wie raus. Nach der Katastrophe in Fukushima wollen viele Verbraucher keinen Atomstrom mehr. Der Markt der Ökostromanbieter ist allerdings unübersichtlich. Foto: dapd
Nichts wie raus. Nach der Katastrophe in Fukushima wollen viele Verbraucher keinen Atomstrom mehr. Der Markt der Ökostromanbieter...Foto: dapd

Berlin - Nach der Atomkatastrophe in Japan wollen viele Verbraucher ihren ganz persönlichen Beitrag zum Atomausstieg leisten und auf Ökostrom umsteigen. Der Trend ist ungebrochen. Seit dem GAU in Fukushima hat der Ökostromanbieter Naturstrom jede Woche 10 000 neue Kunden gewonnen – so viel wie in den ersten zehn Firmenjahren zusammen. Doch der Wechsel zum Ökostrom klingt leichter als er ist. Denn in kaum einem anderen Bereich gibt es so viele unterschiedliche Gütesiegel wie bei der Bioenergie. Das Wirrwarr ist dementsprechend groß. Deshalb fordert das Verbraucherportal Verivox eine Vereinheitlichung der verschiedenen Ökostromzertifikate und -siegel.

„Der Gesetzgeber könnte Sicherheit schaffen und allgemeine Richtlinien für Ökostromprodukte einführen“, sagt Peter Reese, Leiter des Bereichs Energiewirtschaft bei Verivox. Zurzeit gibt es in Deutschland vier verschiedene Anbieter von Ökostromsiegeln: den Tüv Nord, den Tüv Süd, das „Grüner Strom Label“ und den Verein Energieversion mit seinem „OK Power“-Label. Um die Verwirrung noch größer zu machen, gibt der Tüv Süd gleich zwei verschiedene Gütesiegel heraus. Auch das „Grüner Strom Label“, das von diversen Umweltorganisationen wie dem BUND getragen wird, existiert in den Ausführungen „Gold“ und „Silber“.

Bestenfalls Experten blicken da noch durch. „Dass es keine einheitliche Definition von Ökostrom gibt, verunsichert die Verbraucher“, kritisiert Verivox-Sprecher Jürgen Scheurer. Zudem seien die unterschiedlichen Gütesiegel auch unterschiedlich streng, was die Ökokriterien betrifft.

Der Ökostromanbieter Lichtblick, der mit dem „OK Power“-Zertifikat arbeitet, würde ein einheitliches Siegel befürworten. Wichtig ist Sprecher Ralph Kampwirth aber, dass dabei nicht nur die Herkunft des Stroms zertifiziert wird. „Es müssen auch Marktanreize zum Ausbau der erneuerbaren Energie gesetzt werden“, fordert er. Bei dem „Ok Power“-Label wird das dadurch gewährleistet, dass mindestens ein Drittel des angebotenen Stroms aus Anlagen kommen muss, die nicht älter als sechs Jahre sind.

Ähnlich sieht es auch die Umweltorganisation Greenpeace: „Wir fordern schon seit längerem einen einheitlichen Standard“, sagt Energieexperte Andree Böhling. Bei vielen Ökostromsiegeln seien die Kriterien zu lasch. Ein einheitliches Siegel mache deshalb nur Sinn, wenn die Standards anspruchsvoll genug seien.

Für Streit sorgen vor allem die sogenannten RECS-Zertifikate. Einige Ökostromsiegel lassen diese Zertifikate zu, andere nicht. RECS-Zertifikate dienen als Nachweis für eine umweltfreundliche Stromproduktion. Umweltverbände kritisieren aber, dass die RECS-Zertifikate unabhängig vom Strom gehandelt werden könnten. Normaler Strom könnte so durch den Zukauf von RECS-Zertifikaten zu Ökostrom veredelt werden. „Die missbräuchliche Verwendung von RECS-Zertifikaten sollte durch ein einheitliches Label unterbunden werden“, fordert Böhling. Naturstrom-Vorstand Oliver Hummel ist jedoch skeptisch, ob ein einheitliches Gütesiegel anspruchsvoll genug wäre. „Und wir haben kein Interesse an einem laschen Label.“

Die für das Gütesiegel „OK Power“ Verantwortlichen würden dagegen eine Vereinheitlichung befürworten. „Eine gesetzliche Festlegung, was Ökostrom ist, würde es den Verbrauchern einfacher machen“, sagt Anke Hering von der Verbraucherzentrale NRW, die gemeinsam mit dem WWF und dem Öko-Institut „OK Power“ herausgibt. „OK Power“ will mit dem „Grüner Strom Label“ über Möglichkeiten einer Vereinheitlichung ihrer Gütesiegel sprechen. Ein einheitliches Ökostromsiegel würde aber eine lange Vorlaufzeit benötigen, gibt Hering zu bedenken.

Was sollen ökobewusste Verbraucher angesichts dieser Verwirrung tun? Die Initiative „Atomausstieg selber machen“, die von führenden deutschen Umweltverbänden getragen wird, rät, zu Lichtblick, Greenpeace Energy, Naturstrom oder EWS Schönau zu wechseln. Unabhängig von den Gütesiegeln würden diese Anbieter glaubwürdig für den Ausbau von erneuerbarer Energie einstehen.

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