Wirtschaft : Tafeln mit Stil

In Krisenzeiten bleiben viele Menschen lieber zu Hause – zur Freude der Haushaltsausstatter, die das Zubehör für ein gepflegtes Ambiente liefern

Alexander Visser

Unter „Cocooning“ verstehen Trendforscher den Rückzug ins eigene Heim. Zeitgeist-Soziologen zufolge machen es sich immer mehr Menschen lieber zu Hause behaglich, als sich auswärts zu amüsieren. Statt ins Multiplex-Center zieht es sie vor die Heimkino-Anlage. Statt im Restaurant zu tafeln, laden sie Freunde zum selbst zubereiteten Diner. Dieser Trend freut die Hersteller feiner Haushaltsausstattung. Denn zum stilvollen Abendessen gehört ein gepflegtes Ambiente mit schönem Porzellanservice, elegantem Besteck, zum Wein passenden Gläsern und Tischdekoration.

„Es muss nicht gleich ein komplettes Service für zwölf Personen sein, aber an schönem Geschirr finden auch viele junge Leute Gefallen“, sagt Astrid Kühn vom bayerischen Porzellanhersteller Rosenthal. Mit innovativen Marketing-Ideen kämpfen Geschirr-Designer gegen das Oma-Image: Ein vollständiges Service wird über Jahrzehnte angesammelt, zu jedem Geburtstag und an Weihnachten kommen ein paar Teile dazu, und benutzt wird es nur zu besonderen Anlässen. „Kunden kaufen heute eher spontan ein paar schöne Teller und Accessoires, die sie mit anderen Teilen kombinieren“, sagt Kühn. Als Grundfarbe des Geschirrs komme daher für viele Kunden nur weiß in Frage.

Rosenthal bietet kleinere Serien, die zu aktuellen Küchentrends passen: Reisschälchen für asiatisches Essen oder kleine Schüsseln für Finger Food. Das perfekte Porzellan für „Cocooner“ dürfte das Laura-Ashley-Porzellan „New Romantic“ sein. Kleine Blümchen zieren das verspielte Service von Hutschenreuther, das von Rosenthal vertrieben wird. 94,50 Euro zahlen romantisch Veranlagte für eine Kaffeekanne, 17 Euro für den passenden Becher.

Trotz des Trends zum Spontankauf ist das vollständige Service nicht aus der Mode gekommen, sagt Thomas Graß-Stüve, Marketing-Leiter der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin. „An unseren Hochzeitstischen sehen wir, dass sich auch junge Paare hochwertiges Porzellan wünschen.“ Für jüngere Kunden sei vor allem die Beratung sehr wichtig: Die würden sich vom Verkaufspersonal erstmal erklären lassen, welcher Teller für welche Speise gedacht ist.

Beim Design setzt die Berliner Manufaktur auf Klassiker. Am besten verkaufe sich das Service Kurland aus dem Jahr 1790. Doch auch das neue Service „Berlin“ von Enzo Marie sei sehr beliebt. Das stamme zwar erst aus dem Jahr 1998, habe aber dank seiner schlichten, eleganten Form „das Zeug zum Klassiker“, glaubt Graß-Stüve. Für ein 16-teiliges Service in Weiß müssen Kunden ab 820 Euro bezahlen. Wer Handgemaltes bevorzugt, muss mindestens 1200 Euro hinblättern. Rund 20000 Euro lassen sich Liebhaber ein Porzellanservice mit Vollmalerei und Goldverzierung kosten.

Neben hochwertigem Geschirr sollte kein billiges Besteck liegen. Zur Grundausstattung für zwölf Personen gehören 72 Teile. Für Perfektionisten kommen noch Fischbesteck und Spezialwerkzeuge wie die Gewürzgurkenzange hinzu. Und weil der Zeitgeist zu ungeduldig sei, sich das Set über Jahre anzusammeln, gehört auch Besteck zu den häufig gewünschten Hochzeitsgeschenken, sagt Jürgen Vogler vom Hersteller WMF. Für ein Edelstahl-Set müssen Schwiegereltern rund 520 Euro anlegen. „Silber ist in Deutschland nicht so gefragt, weil sich die Leute nicht trauen, es täglich zu benutzen“, sagt Vogler.

Auf Design für den Alltag setzt dagegen Ritzenhoff, eine Marke, die für ausgefallene Glasgestaltung bekannt ist. Die Erfolgsstory begann 1993 mit einem Designwettbewerb für ein Trinkglas, mit dem ein Milchverband für sein Produkt werben wollte. Mittlerweile haben über 300 Designer wie Roger Selden oder James Rizzi Geschirrteile für Ritzenhoff gestaltet: Vom Sektkelch über das Schnapsglas bis zum Eierbecher. „Besonders beliebt ist das Designer-Bierglas als Geschenk für den Mann“, sagt Beatrix Wolf vom verantwortlichen Gestaltungsbüro Sieger Design. Das zum Teil schrille Ritzenhoff-Design im Comicstil spricht vor allem junge Menschen an, wird aber auch gerne von Eltern verschenkt, sagt Wolf.

Wer seine Freunde zum klassischen Diner bittet, wird dagegen wohl zu schlichteren Gläsern ohne Farbaufdruck greifen und darauf achten, dass das Glas auch zum Wein passt. Bleibt nur noch zu hoffen, dass die Gäste auch kommen – und es sich nicht lieber zu Hause gemütlich machen.

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