Wirtschaft : Tagebuch einer Vermeidung, letzter Teil

Damit endet das Tagebuch der Frau ohne Namen. Wir

Mitte November.b Wenn ich ernsthaft einen Job gewollt hätte, würde ich mir allmählich ernsthaft Sorgen machen: Ich bekomme schon jetzt eine Absage auf die Bewerbung, zu der ich erst am 9. November aufgefordert worden war. Ansonsten ein Brief von Hippokrates-Consulting, denen ich ja versprochen hatte, mich nach Genesung vom Bänderriss zu melden. Was ich natürlich nie getan habe. Nun hat man sich "leider für einen anderen Bewerber entschieden" , dessen/deren "Profil besser mit unseren Anforderungen" übereinstimmt.

Zum Thema Online Spezial: Arbeit.los! Ende November. Frage mich, warum die Geschichte, die meine neue Arbeitsberaterin, Frau Y., parat hatte, noch nicht beendet ist. Auf die Bewerbung hat es überhaupt keine Reaktion gegeben, wahrscheinlich wegen des furchtbaren Passbildes, auf dem ich wie die weibliche Version des Glöckners von Notre Dame aussehe. Ungewöhnlicherweise war "gepflegtes Äußeres" als Voraussetzung für den Job genannt worden. Rufe an. Bitte mit Leidensstimme um Rücksendung meiner Unterlagen. Nein, nein, der Bewerbungsvorgang liefe noch. Drei Minuten später: der Vorgang sei doch abgeschlossen, die Stelle besetzt. Aufatmen.

Anfang Januar. Ich bekomme kaum noch Bewerbungsaufforderungen und musste seit Juni (!) kein einziges Mal zum Arbeitsamt. Wenn man bedenkt, was in den ersten zwei Monaten alles gelaufen ist, ist das sehr erfreulich. Wenn ich richtig gerechnet habe, bekomme ich noch bis März Arbeitslosengeld, das schöpfe ich natürlich aus.

8. Januar. Ein amtlich aussehender Brief vom Arbeitsamt. Beim Öffnen stelle ich fest, dass es nur ein Änderungsbescheid, Umstellung von D-Mark auf Euro-Zahlungen ist. Die lassen mich wirklich in Ruhe.

16. Januar. Gleich zwei Briefe vom Arbeitsamt! Man will mich doch wohl nicht etwa stören? Unberechtigte Befürchtung: Brief Nummer eins enthält eine Arbeitgeberanfrage nach mir (nicht rapportpflichtig, Mülleimer), Brief Nummer zwei ist ein Formbrief, "ich hatte länger keinen Kontakt mit Ihnen" und ich möge bitte beiligenden Vordruck ausfüllen. Hier habe ich zu beantworten, ob sich "in meinen Verhältnissen etwas geändert hat" und ob ich "weiterhin arbeitslos" und "an Arbeitsvermittlung interessiert" bin. Zumindest kreuze ich das an. Arbeitslosen-Routine, völlig harmlos.

2. Februar. Gleich zwei rapportpflichtige Bewerbungen in einem Umschlag. Das gab es noch nie! Was ist denn in die gefahren? Lasse ich übers Wochenende liegen.

5. Februar. Ich bewerbe mich auf die beiden Stellen vom Samstag. Leider entsprechen beide genau meinem Profil. Ich sehe Vorstellungsgespräche auf mich zukommen. Aber vielleicht ist die Tatsache, dass ich jetzt eine Langzeitarbeitslose bin, abschreckend genug. Es ist aber möglich, dass jetzt ein schärferer Wind weht, denn gerade wird im Radio ein Skandal gemeldet: Der Bundesrechnungshof hat aufgedeckt, dass die Statistiken des Arbeitsamtes eine weit höhere Anzahl von Arbeitsplatzvermittlungen aufweisen, als das realiter der Fall ist. Riester will die Ämter überprüfen lassen.

6. Februar. Die falschen Statistiken des Arbeitsamtes sind wieder Thema in den Nachrichten. Es gibt nun fast 4,3 Millionen Arbeitslose in Deutschland, 10,4 Prozent.

12. Februar. Sehr schön: Im Briefkasten ein großer Umschlag, eine Absage auf eine der rapportpflichtigen Bewerbungen, die ich am 5. Februar gemacht hatte. Schicke den Absagebrief genüsslich ans Arbeitsamt.

Mein Anspruch erlischt

20. Februar. Jagoda geht.

21. Februar. Frau Leister, die letzten Sommer so häufig den Kontakt mit mir gesucht hat, schickt mir meine Bewerbungsunterlagen ("..nachdem Sie sich nicht mehr bei mir gemeldet haben....") zurück.

25. Februar. Ein dicker Brief vom Arbeitsamt liegt im Briefkasten: Er enthält eine Broschüre "Die Arbeitslosenhilfe", einen mehrseitigen Fragebogen zu meinen Verhältnissen und den Bescheid, dass mein Anspruch auf Arbeitslosengeld erlischt.

Damit endet das Tagebuch der Frau ohne Namen. Wir haben es veröffentlicht, weil es interessant ist, nicht weil wir das, was da geschrieben steht, gutheißen oder verurteilen wollen. Wir haben dem Tagebuch so viel Platz eingeräumt, weil es ein einmaliges Dokument darstellt. Selbstverständlich war es nicht unsere Absicht, diesen Fall als typisch für alle Arbeitslosen darzustellen. Er ist aber auch nicht erfunden: Die Frau gibt es wirklich, sie war wirklich arbeitslos und wollte partout keine neue Stelle. Die Red.

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