Wirtschaft : Tagesspiegel-Podiumsdiskussion zur Zukunft der Arbeit - Chance für Dienstleistungen am Menschen

Markus Fasse

"In Deutschland können wir so viele Arbeitsplätze haben, wie wir wollen", sagt Professor Meinhard Miegel, Leiter des Institutes für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) in Bonn. Eine provokante These, mit der Miegel Teilnehmer und Besucher der Podiumsdiskussion: "Was war das, ein Arbeitsplatz? - Gedanken zur Zukunft der Erwerbsarbeit" am Donnerstagabend in der Technischen Universität konfrontierte. Dabei spitzte der Professor lediglich eine in der Wissenschaft bereits akzeptierte Einschätzung zu. Die Arbeit wird in Zukunft keineswegs ausgehen, die Frage sei vielmehr, wie sie organisiert wird - und wie man sie bezahlt, wie Tagesspiegel-Herausgeber Heik Afheldt als Moderator die These Miegels zur Diskussion stellte.

Beispiel Spitzentechnologie: "Bei uns hat jeder Student zehn Angebote, wenn er fertig ist", wußte Professor Günter Spur von der TU zu berichten. Allein in Berlin seien zur Zeit 4000 Arbeitsplätze im Multimedia- und High-Tech-Bereich unbesetzt. Doch die Absolventen gehen keineswegs ausgelernt ins Berufsleben. "Unser Fachwissen hat doch maximal eine Halbwertzeit von fünf Jahren", erwiderte der Student Raoul Koether. Er müsse sich darauf einstellen, regelmäßig sein Studium an der Universität wieder aufzufrischen: "Aber wer bezahlt mir das?" Der Staat, darüber herrschte Einigkeit, in Zukunft wohl immer weniger.

Das Gros der zukünftigen Arbeitsplätze liege ohnehin woanders. "Die wachsende Überalterung der Bevölkerung wird die Aufgabe der Zukunft sein", glaubt Miegel. Das erhoffte Jobwunder liege also im Bereich der Dienstleistungen, "im direkten Dienst am Menschen", so Miegel. Doch das sei in Deutschland problematisch, denn solche Tätigkeiten werden nicht in Erwerbs-, sondern in Eigenarbeit erledigt. Schätzungen der Bundesbank gingen sogar davon aus, dass 60 Prozent unseres Wohlstandes aus Arbeit resultieren, die nicht bezahlt wird. Hausarbeiten, Krankenpflege, Erziehungstätigkeiten beispielsweise. Ein Riesenpotential, glaubt der Unternehmer und Berliner IHK-Präsident Werner Gegenbauer, das er gerne erschließen würde. Doch genau das funktioniere nicht. Rigide Arbeitsvorschriften und Tarifstrukturen machten solche Arbeit zu teuer. Aber auch kulturelle Vorbehalte stünden einem Jobwunder wie in den USA im Wege. Hans-Jürgen Ewers, Präsident der TU, brachte das Problem auf den Punkt: "Wir verbieten doch dem Fensterputzer sein Geschäft, weil wir es selber erledigen."

Doch Dienstleistungen alleine reichen nicht. "Die Frage ist doch, ob wir genug produktive Bereiche haben, aus denen wir die Dienstleistungen ausgliedern können", glaubt Ewers. Da gelte es, die Unternehmen von Steuern und Regulierungen zu entlasten, um einen Kern von produktiven Industriearbeitsplätzen zu erhalten. Eine Forderung, der Miegel beipflichtete: "Der Versuch, wie im Bündnis für Arbeit, die alten Verhältnisse der Industriegesellschaft wieder herzustellen, wird scheitern."

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