Wirtschaft : Tagesspiegel

Kirsten Wenzel

Man sah sie oft im Botanischen Garten, die zierliche Frau, vor der sich selbst die Eichhörnchen nicht erschreckten, weil sie ihre Schritte so vorsichtig setzte. An einem Nachmittag Ende Mai kam sie mit einer anderen Besucherin auf der Terrasse vor den Gewächshäusern bei Tee und Käsekuchen ins Gespräch. „Wir könnten doch noch etwas zusammen gehen“, schlug diese vor. – „Gut, aber ich nur ganz langsam“, antwortete Barbara Giehmann. So wurden sie Freundinnen.

Und spazierten jede Woche gemeinsam: im Botanischen Garten, auf der Pfaueninsel, an der Moorlake, am Schlachtensee. Barbara Giehmann legte alle paar Minuten eine Atempause ein, denn wegen eines Emphysems konnte ihre Lunge von Tag zu Tag weniger Sauerstoff aufnehmen. Irgendwann brachte sie „Otto“ mit. So nannte sie ihr tragbares Sauerstoffgerät, das sie mit Schlauch und einer kleinen Klammer mit ihrer Nase verband. Otto lieferte Luft für zwei Stunden.

Wenn sie auf einer Bank ausruhte, begann sie zu erzählen, von ihren zwei Kindern zum Beispiel, die schon länger nicht mehr in Berlin lebten. Die Freundin erfuhr, dass sie Usambara-Veilchen züchtete und Eulen liebte, die hellhörigen Augentiere der Nacht. Mehr als Männer, denn die hatten ihr kein Glück gebracht. Ein alkoholkranker, vom Krieg traumatisierter Vater hatte ihr die Kindheit schwer gemacht, und beide Versuche, eine Ehe zu führen, waren mit unversöhnlichen Worten zu Ende gegangen. Nach den Jahren als Ehefrau und Mutter hatte Barbara Giehmann spät ihr kleines Glück gefunden: Eine eigene Praxis für Ergotherapie, ein kleines Auto, das sie überall hinfuhr, zu den Ausstellungen, ins Kino und Konzert, alles in Berlin, der Stadt, die sie so sein ließ, wie sie war. Dann kam die Krankheit und zwang sie, ruhig dazusitzen, statt unterwegs zu sein. Ihre Praxis musste sie aufgeben. Doch darüber wehklagen, wem würde das helfen? „Früher habe ich oft gejammert“, sagte sie. „Nun versuche ich, das Loslassen zu lernen. Ich bereite mich aufs Sterben vor.“

Im Schlafzimmer ihrer Tempelhofer Wohnung stand ein kleiner Altar mit einem Sitzkissen davor. Bereits einige Jahre, bevor sie erkrankte, hatte Barbara Giehmann den tibetischen Buddhismus für sich entdeckt. Seitdem „praktizierte“ sie täglich, übte sich in Mitgefühl und war Mitglied des Vereins „Rigpa“, was so viel wie „die innere Natur des Geistes“ bedeutet. Auf dem Altar im Schlafzimmer stand neben diversen Schalen, Lichtern und Räucherwerk auch ein Foto ihres Meisters, Sogyal Rinpoche, Autor des Werkes „Das Tibetische Buch vom Leben und Sterben“. Seine „Belehrungen“ hörte sie sich täglich mit dem CD-Player an. Und zu seinem alljährlichen „Retreat“, einem Meditationstreffen in Hessen, fuhr sie noch, als sie neben „Otto“ auch auf den Rollstuhl angewiesen war und das Sitzen auf dem Boden sie erschöpfte.

Sie gab ihre Garderobe weg, verschenkte die Eulensammlung. Gelegentlich bedauerte sie leise, dass das Loslassen doch nicht so einfach war, wie erhofft. Mag das Leben nach buddhistischer Auffassung auch eine Illusion sein, sie hing daran. Dass Sogyal Rinpoche sie persönlich auf der Palliativstation anrief, um sie auf den Weg in die andere Welt vorzubereiten, bedeutete ihr unendlich viel. Danach trainierte sie mit eisernem Willen das Absolvieren von 20 eigenen Schritten, um noch einmal nach Hause zu dürfen. Da wollte sie mit ihren Freunden den letzten Geburtstag feiern. Den Einzug ins Hospiz verschob sie von Woche zu Woche: „Die haben gerade kein Zimmer frei, aber ich steh’ auf der Warteliste.“

Drei Tage vor ihrem Tod war sie bereit. Altar und CD-Player nahm sie mit ins Hospiz, dort wachte, wie es ihr Glaube vorschrieb, rund um die Uhr jemand von „Rigpa“ und wartete auf ihren letzten Atemzug. Diesen mit Gelassenheit und ohne Furcht zu tun, ist nach der Auffassung der tibetischen Buddhisten entscheidend für das weitere Schicksal des Geistes. So auch die körperliche Unberührtheit Stunden, besser Tage nach dem Tod. Denn so wie wir nicht in einer Sekunde zur Welt kämen, brauchten wir auch Zeit, sie in Ruhe wieder zu verlassen.

Einige Wochen nach ihrem Tod streuten Barbara Giehmanns Kinder ihre Asche in die Ostsee. Sie hatte es sich so gewünscht.

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