Wirtschaft : Talisman gegen Globalisierungsängste

Was deutsche und internationale Besucher aus Berlin mitbringen – Vom Mauerbruchstück bis zur Berliner Luft in Dosen

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Das hätte sich Walter Ulbricht wohl nicht träumen lassen: Seine Mauer ist im Jahr 2002 Berlins beliebtestes Mitbringsel. Sagt zumindest die Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM), die nicht nur an drei Standorten Besucher informiert, sondern ihnen auch Souvenirs mit auf den Weg gibt. „Mauerandenken werden am liebsten gekauft“, sagt Natascha Kompatzki von der BTM. Jeder dritte Besucher der Touristeninformation nimmt ein Stück Mauer mit nach Hause – auf einer Postkarte, als Kühlschrank-Magnet oder als einzelnes Mauerstück im praktischen Schaukasten. „Vor allem die Amerikaner wollen Mauerstücke mit nach Hause nehmen.“ Ob ein Stück antikapitalistischer Schutzwall als Talisman gegen Globalisierungsängste helfen kann?

„US-Touristen lieben deutsche Bierkrüge“, hat Britta Dobe festgestellt. Sie verkauft im Berlin-Souvenir-Shop an der Gedächtniskirche ( www.berlin-souvenir.de ). Bierkrüge gibt es ab 26 Euro. Die handbemalten Exemplare mit Zinndeckel kosten 61,90 Euro. Dobe hat festgestellt, dass sich die Touristen freuen, wenn in Berlin mal jemand Englisch sprechen kann. Dann greifen sie auch bei Souvenirs gerne zu. Schüler aus den USA stehen vor allem auf Kühlschrank-Magnete mit Berlin-Motiven. Berlin exportiert aber auch mit Goldverzierungen überladene Porzellanteller nach Chicago oder Dallas. Auch in Moskau hängt man sich solches Geschirr gerne an die Wand. Japaner kaufen Dobe zufolge dagegen am liebsten Zinnteller, zum Beispiel mit dem Brandenburger Tor. Die Souvenir-Expertin hat auch südländische Spezialitäten ausgemacht: „Spanier stehen total auf Berlin-T-Shirts“, sagt die 23-jährige. Italiener lieben Schneekugeln mit dem Brandenburger Tor. Die Franzosen bevorzugen Porzellan-Glöckchen, für die sie bereit sind, etwa zehn Euro auszugeben.

Und die deutschen Touristen? Sind seit der Einführung des Euro knauserig geworden, sagt Britta Dobe. Auch bei BTM hat man festgestellt, dass die Schmerzgrenze meist bei 9,90 Euro liegt. Dafür kaufen die Deutschen Mitbringsel, die sich ausländischen Besuchern nicht so leicht erschließen. „Die Berliner Luft, mit dem besondren Duft...“ kann man zum Beispiel in Dosen und mit kleiner Spieluhr kaufen. Auch Trabis in der Schneekugel oder Ost-Berliner Ampelmännchen als Lampe sind für Touristen aus Schottland oder der Provence erklärungsbedürftig. Nach Schleswig-Holstein oder Bayern werden sie indes gerne mitgenommen. Auch manches Berlin-T-Shirt verlangt Hintergrundinformationen. Welcher Besucher aus Brooklyn weiß schon, dass die 36 auf einem Sporthemd für einen früheren Kreuzberger Postzustellbezirk steht?

Ein Klassiker für Besucher aller Länder ist der Berliner Bär. In den BTM-Shops gibt es 100 Varianten des Hauptstadt-Maskottchens. Vom kleinen Schlüsselanhänger bis zum ausgewachsenen Wappentier. Nur die Mauerbrocken sind beliebter. Da sich pfiffige Händler beizeiten große Reserven zugelegt haben, ist die Versorgung mit Andenken an den Fall des Eisernen Vorhangs groben Schätzungen zufolge bis weit in das nächste Jahrzehnt gesichert. Und dann? Falls sich der Senat bis dahin zum Abriss entschlossen haben sollte, könnte der Palast der Republik zum Souvenir-Schlager umfunktioniert werden. Danach könnten sich die Mauerspechte dem Flughafen Tempelhof zuwenden, dessen Bruchstücke an die Berliner Luftbrücke erinnern. Nach dem geplanten Schönefeld-Ausbau wird Tempelhof ja nicht mehr benötigt. Erst wenn die Trümmer des Flughafenbaus aufgebraucht sind, müssen sich zukünftige Generationen neue Berliner Abriss-Souvenirs ausdenken. Alexander Visser

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