Wirtschaft : Tanz mit der Heuschrecke

Joachim Falkenhagen baut einen Milliarden-Windpark – zusammen mit dem US-Investor Blackstone

Kevin Hoffmann

Er telefoniert noch, der Eine-Milliarde-Euro-Mann. Auf Englisch. Im Büro nebenan sitzen zwei seiner drei Mitarbeiter an ihren Rechnern. Telefonkabel laufen quer über den Laminatboden, in den Kiefernschränken stehen hundert Aktenordner, beschriftet mit Worten wie „Tragstrukturen, Gutachten, Verträge“. An der Wand hängen mannshohe Land- und Seekarten, jemand hat mit Tesafilm Pauspapier darübergeklebt und sparsam ein paar Linien und Punkte markiert.

Berlin-Köpenick, fast am Waldesrand, zwischen den bürgerlichen Stadtteilen Biesdorf und Uhlenhorst: Dort, in einer Seitenstraße, im Erdgeschoss eines Neubau-Wohnhauses, residiert die Windland Energieerzeugungs GmbH von Joachim Falkenhagen. Sein Name tauchte unlängst in Zeitungen von New York bis Navarra im Baskenland auf. Grund war eine Mitteilung des US-Finanzinvestors Blackstone: Die „Heuschrecke“ aus Manhattan verkündete eine Partnerschaft zum Bau und Betrieb eines 400-Megawatt-OffshoreWindparks in der deutschen Nordsee. Baukosten: eine Milliarde Euro. Vielleicht auch mehr.

Die ungleichen Partner wollen bei den benachbarten Projekten „Meerwind Ost“ und „Meerwind Süd“ bis zum Jahr 2012 jeweils 40 Windräder aufstellen und später womöglich weitere Anlagen. Die Windparks dürften genug Strom produzieren, um bis zu 500 000 Menschen, eine Großstadt also, zu versorgen.

Falkenhagen betritt den Raum. Er wirkt etwas erschöpft, fährt sich mit der Hand durch die grauen Locken. Er schiebt ein paar Papierbögen beiseite, die auf dem Holztisch am Fenster verteilt sind, setzt sich, faltet die Hände, legt sie eng am Körper auf den Tisch.

Also, was hat er nun den Leuten von Blackstone erzählt, damit die so viel Geld in die Hand nehmen? „Blackstone ist als Private-Equity-Unternehmen natürlich daran interessiert, eine ausreichende Rendite für seine Investoren zu schaffen. Das ist Bedingung, dass die investieren. Wir haben dafür Konzeptstudien gemacht, wir haben nachgewiesen, dass der Baugrund tragfähig ist, wir haben Windertragsstudien gemacht, um gut kalkulieren zu können, wie viel Stromertrag wir in etwa haben werden. Das ermöglicht eine gewisse Fremdfinanzierung.“

Der Leiter eines vierköpfigen Planungsbüros aus Köpenick bezeichnet ein Riesen-Investment in sein Projekt bescheiden als „eine gewisse Fremdfinanzierung“, während man nicht nur beim Branchenverband von einer Sensation spricht. Für Falkenhagen, der sich seit acht Jahren mit Offshore-Windenergie beschäftigt, scheint dies alles ganz selbstverständlich und berechenbar zu sein.

Jetzt beginnt also sein Tanz mit der Heuschrecke – und der Riese Blackstone muss sich dabei führen lassen, denn Windkraft ist für die New Yorker völlig neu: Zwar hat das Unternehmen knapp 90 Milliarden Euro Kapital weltweit angelegt und hält unter anderem auch rund 4,5 Prozent an der Deutschen Telekom. In erneuerbare Energien investierte das Unternehmen aber erstmals im vergangenen Dezember. Da finanzierte Blackstone mit 590 Millionen Euro einen Staudamm in Uganda.

Warum jetzt ausgerechnet Falkenhagens Projekt? Die Blackstone-Zentrale sagt zu dieser Auswahl nichts. Und Falkenhagen selbst übt sich in Bescheidenheit: „Nun gut, wir haben eben einen Standort, der etwas besser ist als manche anderen. Also, nicht besser als alle anderen – aber einen Standort, der ganz passabel ist. Wir haben bei uns nicht die ganz extremen Wassertiefen, nur so um die 25 Meter. Daraus ergibt sich beim Bau eine moderate Kostenstruktur.“ Zum Vergleich: Die Windräder des vergleichbar großen, aber schon früher genehmigten Projektes „Sandbank 24“ sollen in bis zu 40 Metern Tiefe verankert werden, 100 Kilometer vom Festland entfernt, 90 Kilometer vor Sylt (siehe Nummer 2 auf der Karte). Falkenhagens Park (15) soll nur 53 Kilometer vom Festland entfernt entstehen, 23 Kilometer nordwestlich von Helgoland.

140 Meter hohe Windräder in tosender See aufstellen – wenn man Falkenhagen und seine Crew in Berlins stickigster Sommerhitze über Plänen brüten sieht, vergisst man leicht, dass Offshore-Wind nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein handfestes Seeabenteuer ist. Mit Orkanböen, haushohen Wellen. Oft dachten die Menschen, sie könnten die See bändigen. Können diese Leute es wirklich?

Und was haben Finanzinvestoren wie Blackstone überhaupt bei solchen Pioniertaten zu suchen? Man ahnt doch, dass ihr Atem selten lang genug ist, um Projekte über lange Strecken durchzuhalten. Die wollen doch meist schnelle Ergebnisse sehen. „Vielleicht ist es ja genau der Grund, warum wir uns für Blackstone entschieden haben“, sagt Falkenhagen und macht klar, dass gerade jene Eigenschaften, für die Finanzinvestoren in Schönwetterbranchen oft gefürchtet sind, bei Pioniervorhaben gefragt sind. „Wir gehen nämlich davon aus, dass die wirklich etwas bewegen wollen und nicht erst mal jahrelang strategische Überlegungen anstellen.“

Falkenhagen lehnt sich auf dem Stuhl zurück, wirkt jetzt hellwach. Er verweist auf Eon. Die hätten sich schon vor Jahren in Projekte eingekauft, die aber „nicht so richtig“ vorangetrieben. Diesen Vorwurf hört man von Branchenexperten. Auch die These, dass die Stromkonzerne systematisch den Ausbau der Windkraft auf See blockieren, weil der dort produzierte Strom den küstennahen Landkraftwerken Konkurrenz machen könnte. Dazu kommt, dass die Eon Netz GmbH, die gesetzlich verpflichtet ist, die Windparks mit dem Festland zu verkabeln, viel zu zögerlich agiert – sagt Falkenhagen.

Immerhin beweisen Eon, Vattenfall und EWE mit dem konkreten Baustart des Pilotprojekts „Alpha Ventus“ mittlerweile, dass sie bereit sind, die Herausforderung wirklich anzunehmen – auch wenn der Bund das Projekt noch mit 50 Millionen Euro anschieben muss. „Alpha Ventus ist ja schön und gut“, sagt Falkenhagen. „Aber warum beginnen die nicht gleich mit dem Bau eines echten kommerziellen Windparks?“

Wer wie Falkenhagen auf über einer Milliarde Euro frischem Kapital sitzt, wird naturgemäß zum Lobbyisten für die Sache. Er breitet auf dem Tisch eine Karte aus. Sie zeigt die Hoheitsgewässer der Nordsee, so, wie sie das Bundesverkehrsministerium gern aufteilen würde: Dicke und dünne Schneisen ziehen sich kreuz und quer darüber und markieren die Schiffsrouten. Dann gibt es dort auch Naturschutzgebiete. Zwischen alldem sind kleine Quadrate und Dreiecksfelder markiert – die Claims der Windparkplaner. „Ich bin der Meinung, dass man diese Gebiete deutlich mehr ausweiten könnte und sollte“, sagt er.

Er schüttelt mit dem Kopf, als er schließlich über all die obligatorischen Umwelt-Voruntersuchungen spricht. Die richteten teils mehr Schaden an als Nutzen. Vor dem Baustart müsse er Vögel und Meeressäuger untersuchen lassen – bei bis zu 24 Fahrten pro Jahr, zur Luft und auf dem Wasser. Sein Team habe einmal hunderttausende Fische mit sehr engmaschigen Netzen fangen müssen, um nachzuweisen, welche Arten es in dem Gebiet überhaupt gibt. „Die mussten alle getötet werden.“ Kevin Hoffmann

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